Apropos Yenta

Untertitel: Was ich so lese
Als ich jung war, las ich sehr gerne Entwicklungsromane.
Es waren meistens Männer, die sich entwickelten. Ich erinnere mich noch sehr gut an meine Begeisterung vo Arrowsmith (Sinclair Lewis) oder „Of Human Bondage“ (W.S.Maugham). Ebenso gehörte der „Wilhelm Meister“ (s Lehrjahre) zu meiner Jugendlektüre und in Mignon muss ich wohl ebenso verliebt gewesen sein wie in Dostojewskis Sonja.
Als Kind las ich aber auch begeistert die Nesthäkchen-Bücher. Ich weiß nicht einmal, ob man das heute zugeben darf. Da wird sicher jemand Vorläufertum zum Nationalsozialismus zuordnen. Oder halt eine „heile, rechte Welt des Establishments.“
Je älter ich wurde desto häufiger waren die Hauptpersonen Frauen. Es war interessant zu lesen, wie Frauen ihr Leben erleben. Jane Austin war nicht so mein Fall, trotzdem fand ich nach dem Ansehen des Films „Stolz und Vorurteil“, dass ich etwas dazu gelernt hatte. Frauen haben mich immer sehr interessiert und ich hatte Glück, eine sehr tolerante Ehefrau an meiner Seite zu haben.
Diese brachte nun wieder andere Literatur in mein Leben. Eines der letzten Bücher, die ich in einem Sitz bis zum Ende durchlas, war „das Schloss aus Glas“ von Jeannette Walls.
Jetzt habe ich über dieses Medium hier ein weiteres Buch gefunden, es heruntergeladen und gestern nach der Arbeit in einem Zug durchgelesen. Es ist „Wegen der Schuld“ von Yenta E.
Das Buch hat bei mir eine Stimmung wie „Die andere Seite“ von Kubin ausgelöst. Eine zunächst nicht so schlimm erscheinende Gesamtsituation wird durch die Schilderung der Psychotherapie zu einem Albtraum transformiert.
Es kommt immer noch schlimmer.
Würde ich das Buch ohne Begleitinformation lesen, hätte ich vielleicht irgendwann zum Lesen aufgehört. Es wurde schlimmer und schlimmer und unvorstellbar, wie die Protagonistin, (wenn man sie überhaupt so nennen kann) die Kurve kratzen könnte.
Offensichtlich hat sie das geschafft, denn die Geschichte endet mit einem Nachwort, was zehn Jahre nach dem Geschehen spielt oder vielleicht überhaupt erst nach einer viel längeren Periode verfasst wurde. Das Überleben ist also geglückt.
Die Autorin hat geschrieben, dass sie den 2. Abschnitt stark gekürzt hat, um den roten Faden nicht zu zerstören. Vielleicht wird aus dem doch noch ein separates Buch.
Es ist schwer zu sagen, ob sich das Buch verkaufen wird. Alles ist möglich: vom Bestseller zum Ladenhüter.
Für mich finde ich ein Attribut dafür: „packend“.
Gegen dem Ende zu sind ein paar psychologische Befunde angeführt, deren Textierung einem die Haare aufstellen lässt.

Und wie es im Nachwort heißt: es ist leider möglich, an sehr schlechte Psychiater zu geraten. Wie sehr sie ein Leben beeinflussen können, ist hier deutlich genug geschildert.
Nachsatz: Im Buch sind einige Vorfälle geschildert, die ich in meiner Jugend nie für möglich gehalten hatte. Oder jedenfalls als sehr selten angesehen hätte. Mittlerweile kenne ich Statistiken über inzestuösen Missbrauch und bin überhaupt nicht skeptisch, wenn ich Berichte darüber lese. Aber manchmal ist es für mich unvorstellbar, was sich Menschen gefallen lassen. Wirklich unglaublich.


  1. HARFIM

    Gibt es denn gute Psychiater?

  2. Vielen Dank für diese Rezension, die genau das trifft, was ich empfunden habe und transportieren wollte.
    Ich habe das Buch in die Rubrik “Frauenliteratur” eingeordnet und bin daher etwas überrascht …
    Vor- und Nachwort sind im Zuge der Blogbeiträge entstanden.
    Da ich mein anonymes Großstadtleben sehr schätze und hoffe, dass sich daran nichts ändert, wird es zu diesem Thema von meiner Seite in Zukunft weder Interviews, noch Teilnahme an Talkshows etc., und auch kein zweites Buch geben.

  3. iGing

    Bzgl. inzestuösen Missbrauch schreiben Sie: „Aber manchmal ist es für mich unvorstellbar, was sich Menschen gefallen lassen.“

    Müsste man hier nicht eher umgekehrt denken: Es ist unvorstellbar, was sich Menschen herausnehmen!?!

  4. da wird sich yenta freuen.

    jeder eingriff ins seelenleben ist … nicht ohne gefahr, wie auch jeder körperliche eingriff. darüber sollte man sich klar sein, wenn man sich in die hände von therapeuten, psychiatern und operateuren begibt.
    ich halte tiefgreifende eingriffe nur dann für nötig oder gar zwingend, wenn alle anderen möglichkeiten ausgeschlossen sind, und die selbstheilungskräfte nicht ausreichen.
    die seele ist ein fragiles wesen, in dem man nicht herumpfuschen sollte. jedenfalls sehe ich das so. ich glaube, dass heutezutage vieles behandelt wird, was nicht notwendigerweise behandelt oder therapiert werden muss. leider wird dann unter umständen die behandlung selbst zum problem.

  5. wvs

    Ich finde es erstaunlich, dass Sie diese Aneinanderreihung von Fragmenten derart ‚positiv‘ bewerten.

    „Die Autorin hat geschrieben, dass sie den 2. Abschnitt stark gekürzt hat, um den roten Faden nicht zu zerstören.“ – das ist mir ebenfalls ein Rätsel, denn einen ‚roten Faden‘ konnte ich nicht finden.

    Helfen Sie mir das zu verstehen. Bitte!

  6. iGing

    Ich würde gerne noch etwas zum Inhalt des Buches sagen (ich hoffe, Herr Steppenhund, es ist Ihnen recht, wenn ich das hier in Ihrem Blog tue):

    Psychoanalytiker erscheinen in diesem Buch sozusagen selbst als „Problemfälle“: Einerseits arbeiten sie auch nur für Geld, andererseits wissen sie wahrscheinlich manchmal selbst nicht, wie sie die Erwartungshaltung, die sich aufgrund der „Übertragung“ im Patienten entwickelt, wieder auflösen sollen. Da sie selbst ein Teil des Prozesses sind, erfordert das eine Fähigkeit, sich von sich selbst zu distanzieren, die sehr viel Reife und Können verlangt. Dies lernt man aber wiederum nur, indem man sich immer wieder in diesen Prozess hinein begibt — und natürlich auch wieder heraus!! Genau hier hapert es in dieser Story.

    Die begrenzte Stundenzahl beschleunigt und verstärkt den Ablösungsprozess normalerweise. Hier hat man aber eher den Eindruck: Der Therapeut nahm sozusagen Reißaus vor der für ihn schwer handhabbaren Situation, indem er die Therapie abbrach. Was ihn (nachvollziehbar!) am meisten erschreckt hat, war der Hang zur Psychose, der sich bei der Patientin offenbarte. Ich meine, einmal irgendwo gelesen zu haben, dass Psychosen nicht mit klassischer Psychoanalyse behandelbar seien. Demgemäß führte er die Therapie im Sitzen fort.
    Durch den Abbruch der Therapie forcierte er die Ablösung, nachdem er sichergestellt hatte, dass die Patientin einen Weg einschlagen würde, den er befürwortete, weil er überzeugt war, das sei das Beste für sie — allerdings ohne die Bindung aufgelöst zu haben! So schob er die Patientin in eine Entscheidung, die nicht ihre eigene war.

    Die (normalerweise auf den Vater gerichtete) positive Erwartung (eines Kindes) war auf den Therapeuten gerichtet. Die Konstellation in diesem Fall ist denkbar ungünstig: Bei dem familiären Hintergrund und der daraus resultierenden psychischen Disposition der Patientin musste dies darauf hinauslaufen, dass eine Missbrauchssituation entsteht bzw. dass sie sein Verhalten als Missbrauch deutet. (Das ist der Part, der diesen „Fall“ m.A.n. so besonders macht; anders als eine „normale“ Psychoanalyse sozusagen.)
    Die eine Seite: Der Arzt verhält sich folgerichtig und konsequent – er distanziert sich. Die andere Seite: Die Patientin fühlt sich missbraucht. Erst nachdem sie sich – lange danach – ihrerseits distanziert, entwickelt sich der Heilungsprozess weiter. Sie nimmt ihr Leben in die eigene Hand. Die zweite Therapie, die ja glücklicherweise keine Psychoanalyse ist, hilft ihr dabei. Dass sie dieses Buch schrieb, dürfte man einerseits als Trotzreaktion verstehen (sie besteht darauf, dass der Therapeut „schuld“ ist), gleichzeitig aber als erfreuliche Ablösungsreaktion, denn nachdem sie ihre Geschichte veröffentlich hat, ist ihr egal, was „die“ über sie denken – und das ist gut so!

    Ob es für die Vermittlung der Ablösung auch eine andere Sprache gegeben hätte als die, die der Therapeut anwandte (nämlich kurz angebundene Abweisung und Ignorieren des Bedürfnisses nach Zuwendung), weiß ich nicht. Aus Therapeutensicht hat er nichts falsch gemacht. Aber die zweite Therapeutin, Frau Dr. A., hat offenbar etwas verstanden und die Therapie durch ihr Gesprächsangebot „ergänzt“. Denn was beim Abschluss der ersten Therapie gefehlt hatte, war eine vernünftige Einsicht in das, was das Beste war. Die Option, die Ehe unter anderem Vorzeichen (z.B. größere Gesprächsbereitschaft) fortzuführen, wurde beim ersten Therapeuten gar nicht zugelassen. In der Gesprächstherapie kam das zur Sprache. Erst unter Berücksichtigung der Gefühle, die auch eine Fortführung der Ehe möglich erscheinen ließen, hatte eigentlich die Vernunft eine Chance. Fähigkeit zur Vernunft ist für mich gleichzusetzen mit Vollendung des Heilungsprozesses. Denn die Gefühle waren und wurden in diesem Fall hochgradig verwirrt, einmal durch den sexuellen Missbrauch als Kind, zum Andern in der Therapie durch die scheinbare Bereitschaft des Therapeuten, eine Beziehung mit der Patientin eingehen zu wollen, die mit einer Zurückweisung endete (enden musste!).

    Wenn ich etwas zu sagen hätte, würde ich das Buch zur Pflichtlektüre für angehende Psychoanalytiker machen. Auch wäre es einmal interessant, etwas über die Supervision des Therapeuten zu erfahren. Aber das werden wir sicher nie.

  7. HARFIM

    Alle Reaktionen hier in verschiedenen Blogs empfinde ich als sehr gewagt. Ich traue mich manches, aber das würde ich nie… ich habe das Buch nur kurz angelesen… man interpretiert also den Bericht einer Patientin – und gibt als Laie Urteile ab… was soll das sein: eine Fernheilung?
    Oder meint jemand, es hier mit Literatur zu tun zu haben?




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