Arbeitslosigkeit und Umschulung

kürzlich bin ich auf einem anderen Blog angeeckt, weil ich gemeint habe, dass Arbeitslose einmal einen Monat bezahlt bekommen sollen, dabei nur drei Bücher lesen sollen und danach abgefragt werden. Die Kritik sprach von Grundschülermethoden, stufte mich als überheblichen Bessermenschen ein und sprach von NORMALEN MENSCHEN, die alle anders sind.
Offensichtlich bin ABNORMAL. Ich bin deswegen abnormal, weil ich nicht zustimme, dass alle Menschen die gleichen Chancen zum Studieren bekommen sollen. Dabei wird das Wort „gleich“ sehr missverstanden. Unter gleich wird verstanden, dass alle gleichermaßen studieren können sollen. Das sehe ich als falsch an. Ich finde, dass Menschen, die nicht so begabt sind, nicht gleich behandelt werden sollen. In vielen Fällen sollten sie besser behandelt werden, man sollte ihnen mehr Zeit widmen, als denen, die eh alles von selbst kapieren. Aber daraus leitet sich nicht der Chancengleichheitsgrundsatz für die Uni ab.
Ich nehme einen Grenzfall. Eine deutsche Schauspielerin, den Namen müsste ich erst wieder herausfinden, nimmt ihre Tochter mit Downsyndrom auf die Bühne mit. Um solche Kinder darf man sich nicht „gleich“ kümmern. Man muss viel mehr Aufwand hineinstecken. Allerdings ist es ein Geben und Nehmen. Alle Menschen, die Erfahrungen mit Down-Syndrom-Menschen haben, bestätigen, dass die Liebe, Dankbarkeit und Freude, die zurückstrahlt, für kein Geld der Welt zu kaufen wäre.
Ich nehme einen anderen – nicht Grenzfall – sondern durchaus verbreiteten Fall. Ob ein Kind mit sechs oder sieben Jahren eingeschult wird, hängt von vielen Faktoren ab, z.B. dem Ehrgeiz der Eltern, den wirtschaftlichen Verhältnissen, eine Schulpolitik. Ich habe es selbst an Schulkollegen erlebt, die zu früh eingeschult wurden. Sie wurden selbst von den Schülern für faul und vertrottelt gehalten. Einer von denen hat seinen Doktor gemacht und führt ein – soweit von außen beurteilbares – gutes Leben. Er war einfach zu früh dran.
Ich glaube, dass einige Menschen, die sich in der Schule verweigern, später nie mehr diese Rückbesinnung erleben können, wie es ist, etwas lernen zu können. Nach meiner Erfahrung richten sich alle Workshops, Seminare, Ausbildungskurse an „Erwachsene“, von denen man annimmt, dass sie lernen können. Das Lernen kann aber imho nur durch ziemlich archaische Methoden gelernt werden: Aufgaben bekommen, üben und solange üben, bis etwas wirklich internalisiert wird. Wenn das in einer Disziplin gelingt, so geht das auch in anderen Fächern und dann können Umschulungen oder Weiterbildungen anschlagen.
Doch ohne das eigentlich Lernen gelernt zu haben, ohne sich selbst hinterfragen zu können, ob man etwas wirklich beherrscht, halte ich Seminare zwar für nette Abwechslungen, für angenehme „incentives“, doch es ist so, wie es Tom DeMarco einmal in einer Keynote-speech ausgedrückt hat. Chef: „Na Herr Müller, waren Sie bei dem Chopin-Workshop letzte Woche bei Pollini?“ – freudiges „Ja“. „Hat es Ihnen gefallen? Haben Sie etwas gelernt.“ etwas neutraleres „Ja“. „Wunderbar! Spielen Sie mir doch einmal die Revolutionsetüde vor!“
Wenn alle das gleiche Recht zum Studieren haben sollen, müssen sie auch mit gleichem Wissensstand das Studium beginnen. Wie soll der gesichert festgestellt werden?


  1. hans1962

    Ich weise darauf hin, dass der erste Absatz dieses Beitrags, auf dessen Inhalt andernorts kritisch Bezug genommen wurde, in keinem augenfälligen Zusammenhang mit dem Rest des Beitrags steht.
    Worum geht es?
    Geht es um Arbeitslose, die nicht lesen können/wollen/whatever und deshalb keine Erwerbsmöglichkeit bekommen sollen oder geht es um abzulehnende Chancengleichheit in der Ausbildung?

  2. Offensichtlich bin ich ABNORMAL. – Ist das nicht verrückt, der Glaube an die Norm aller ist normal, während das Abweichen davon als abnormal bezeichnet wird – im Sinne einer Abwertung. Es könnte genausogut auch anderes heißen, zum Beispiel ponormal.
    Den Begriff po (kleingeschrieben) wurde vor vielen Jahren von Edward de Bono erfunden, und hat potentiell mit der Vorwärtsbewegung einer Idee zu tun. De Bono benutzt po (Abkürzung für provokative Operation) als Hinweis darauf, wenigstens zeitweilig in einem „Bewegungssystem“ zu operieren (denken) und nicht in einem „Urteilssystem“. Darum geht es bei der „Fähigkeit“ zu denken, meint de Bono im Zusammenhang mit dem lateralen Denken.

  3. @alle ich bin mir bewusst, dass meine Stellungnahme sehr pointiert und vielleicht extrem scheinen muss.
    Als wichtigster Beitrag der Kommentatoren und -innen erscheint mir das Einbringen der „Schuld“. Ein Kind kann wohl schwer schuldig sein, wenn seine Eltern es verabsäumen, den Nutzen von Lernen oder Bildung zu vermitteln.
    Jetzt gibt es Menschen, die aus eigenem Antrieb versuchen, das Versäumte nachzuholen, weil sie im Leben beobachten können, dass es mehr gibt als Fressen und Saufen, ja dass man seine eigene Lebensqualität sehr stark verbessern kann, wenn man einen breiteren Horizont gewinnt.
    Und es gibt andere, für die ist das Lernen nach der Schule abgehakt. „Wie gut, dass ich nichts mehr lernen muss!“
    Da sehe ich für mich den Zug abgefahren. Wer froh ist, dass er nichts lernen muss, der auch auf nichts neugierig ist, kann keiner sein, mit dem ich Mitleid empfinde.
    Vielleicht kann ich auf diese Weise klar stellen, dass ich nicht alle Arbeitslosen als die GLEICHEN NORMALEN betrachte.
    (Ganz abgesehen davon, dass wir vom AMS schon sehr tüchtige Mitarbeiter bekommen haben.)

  4. Die Gleichbehandlung, also z.B. Einschulung mit 6 und dann klassenweises Vorrücken, ist ein Ergebnis des Bestrebens von Kaisern und Königen, einen weitgehend einheitlichen Bildungsstand ihrer Rekruten beim Militär zu haben. So ließen sich besser Kriege führen. Und für die Industriearmeen der beginnenden Industrialisierung war das auch gut.

    Wenn sich auch die Entwicklung durchschnittlicher Kinder weitgehend synchron vollzieht, gilt das für die Besten und die Schlechtesten nicht. Um also diese Kinder bezüglich ihrer Bedürfnisse gleich zum Durchschnitt behandeln, muss man sie ungleich dem Durchschnitt fördern. Aber eigentlich ist das eine themenübergreifende Binse: Chancengleichheit bedeutet Verteilungsungleichheit.




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