Aus 2041 /14

Beim Aussteigen aus dem Zug fiel Hartmut die Leere des Bahnhofs auf. Er war zwar keine Menschenmassen gewöhnt, aber es war klar ersichtlich, dass sich auf dem Gelände eines Bahnhofs mehr Menschen befinden müssten. Tatsächlich stiegen mit ihm zusammen nur weniger als zehn Personen aus, die sehr rasch von der Bildfläche verschwunden waren.
Dort, wo die Gleise endeten, befanden sich eine Reihe von Automaten. Ein Teil der Automaten bot Snacks an, der andere Teil bestand aus Auskunftsstationen, über die man erfahren konnte, wie man einen bestimmten Teil der Stadt erreichen konnte.
Hartmut war froh, dass er mit seiner Personalkarte auch die Snacks bezahlen konnte. Die Preise waren ziemlich klein, Hartmut vermutete, dass es sich eher um ein Überwachungssystem handelte. Sein Aufenthaltsort konnte auf diese Weise noch leichter überwacht werden.
Nachdem er einen Müsliriegel aufgeknabbert hatte, wandte er sich an einen Auskunftsautomaten. Als er sich dem Automaten näherte, sah er vier Gesichter auf dem Bildschirm aufscheinen. Das war durchaus die Regel bei öffentlichen Auskunftgebern, so konnte man sich Geschlecht und Hautfarbe der Berater aussuchen. Hartmut war allerdings sehr überrascht, als er in einem der Gesichter seinen Freund Peter erkannte. Selbstverständlich wählte er ihn an und es dauerte nicht einmal zehn Sekunden, bis das Gesicht einer Standverbindung Platz machte und ihn Peter begrüßte. „Servus Hartmut, was kann ich für dich tun.“ Sein Tonfall war nicht so locker und ungezwungen, wie es Hartmut von den persönlichen Zusammentreffen kannte. Peter klang – resigniert. „Eigentlich wollte ich ja nach dem Weg zum Josefstädter Bezirksmuseum fragen. Doch jetzt, wo ich dich hier antreffe, bin ich etwas perplex. Was machst denn Du hier als Auskunftsperson?“ Peter konnte ihm nicht sagen, dass dies ein vollkommen unüblicher Auftrag für ihn war. Die Menschen, für die er zuständig war, bekamen ihn nie zu Gesicht.
Hartmut war jedoch in Aufmerksamsstufe drei gerutscht. In eins war er zu dem Zeitpunkt geraten, als er den Job als öffentlicher Beamter begonnen hatte. Zwei hatte er nach seinem Gespräch mit Valerie erreicht.
Sein Interesse an Alt-Wien hatte ihn auf drei befördert, das bedeutete eine persönliche Überwachung ohne negative Voreinstellung. Das System wollte einfach wissen, was er in Wien wollte. Die Kenntnis über Überwachungsmethoden war mittlerweile so ausgereift, dass die Zusammenarbeit zwischen maschineller und persönlicher Überwachung effizienter verlief, wenn persönliche Überwachung durch Vertrauenspersonen der überwachten Person durchgeführt werden konnte.
Peter mit einer Vertrauensstufe von minus zehn war ein viel zu schweres Kaliber für einen Dreier-Hartmut. Es gab aber in dem näheren Bekanntenkreis von ihm nur Peter, der eine negative Vertrauensstufe aufwies.
Von all dem wusste Hartmut nichts. Personen mit Minusklassifizierung wussten Besseres, als diese irgend jemandem preiszugeben.
„Das gehört zu einem Teil meines Jobs. Jemand muss dich ja beraten. Findest Du es nicht besser, dass es jemand ist, den Du kennst?“
Hartmut schüttelte bejahend den Kopf. „Und Du hast alle die Informationen, nach denen Du gefragt wirst?“
„Es gibt Datenbanken, in denen ich nachfragen kann. Ich weiß sie zu bedienen. Aber diese Bedienung ist für nicht Spezialisten zu umständlich.“
Hartmut dachte nach, es leuchtete ihm ein. „Also gut, kannst Du mir helfen?“
„Wie gut ist denn deine Kondition? Traust Du dir zu, eine halbe Stunde mit einem Fahrrad zu fahren?“ – „Was wäre denn die Alternative?“ – „Die U-Bahnen werden rund um die Uhr betrieben. Du kannst mit der Line 3 bis zum ‚Volkstheater‘ fahren und dann in die Line 2 in Richtung ‚Seestadt‘ fahren. Eine Station und Du steigst beim ‚Rathaus‘ aus. Von dort, gehst Du dann gemäß dem Plan zum Museum.“ Der Automat brummte etwas, dabei schon sich eine Seite mit der Anweisung, wie man zum Museum spazieren könnte heraus.
Hartmut wollte die Gelegenheit nützen: „Eigentlich hat mich ja nur das Museum interessiert, aber wenn ich dich da schon dran habe: kannst Du mir Sehenswürdigkeiten empfehlen?“
Peters Gesichtsausdruck wurden noch resignierter: „Ganz Alt-Wien ist eine Sehenswürdigkeit. So wie alle anderen Alt-Städte. Es hängt ganz ab, was dich interessiert. Wie lange willst Du denn in Alt-Wien bleiben? Wirst Du übernachten wollen?“ – „Nun ich bin für Übernachtung ausgerüstet. Ich dachte, ich werde im Museum schlafen.“ – „Also pass auf! Mit deinem Einkommen kannst Du dir das einzige Restaurant und Hotel in Alt-Wien, welches durchgehend betrieben wird, schon leisten. Hinter der ‚Staatsoper‘ gibt es das Hotel ‚Sacher‘. Du kannst es vom Museum aus entweder zu Fuss oder mit U-Bahn erreichen.“ Der Automat brummte wieder, zwei Blätter schoben sich heraus. „Soll ich für dich reservieren?“ – „Das wäre sehr nett, wobei ich mich frage, woher Du weisst, dass ich mir das leisten kann.“ – Glaube mir, ich weiß es. Jeder kann es sich leisten, der in unserer Nachbarschaft wohnt. Ich reserviere einmal für zwei Nächte. Übrigens kannst Du dort auch sehr gut essen.“
Hartmut wunderte sich: „Wieso für zwei Nächte?“ – Nun nach dem ersten Tag, wirst Du viel länger bleiben wollen, nach dem zweiten Tag freust Du dich aufs Heimkommen. Es geht praktisch allen Besuchern so. Statistik kennst Du doch:)“
„Werde ich noch später Gelegenheit, dich etwas fragen zu können?“ – Wenn ich Dienst habe, immer. Info-Automaten findest Du überall. Sobald Du erkannt wirst, wirst Du mein Gesicht sehen.“
„Vielen Dank. Dann mache ich mich einmal auf den Weg.“ – „Viel Spass!“ Es klang aber nicht so, als ob Peter das so richtig ernst meinte. Der Bildschirm schaltete wieder auf eine neutrale Anzeige.
Hartmut fühlte, dass etwas nicht stimmte, aber er konnte sich kein Bild machen. Er hatte keine Ahnung, wodurch die resignierte Haltung von Peter verursacht war.
Als er die Bahnsteigebene verließ, fiel ihm die Beschilderung auf. Sie schien für Vierjährige gemacht zu sein. Es war ein Kinderspiel, den Weg zur U-Bahn zu finden. Als er die Rolltreppe betrat, konnte er die Anzeige sehen, die den nächsten Zug in zwei Minuten ankündigte. Am unteren Ende der Rolltreppe angekommen konnte er bereits das Rauschen eines einfahrenden Zuges hören.
Er selbst war der einige Wartende auf dem Bahnsteig, der hereinkommende Zug war leer. Er stieg zu, der Zug fuhr an. Eine mechanische Ansage verkündete, dass der nächste Halt ‚Volkstheater‘ sein würde. Als er dort ausstieg fand er eine ebenso klare Beschilderung, die ihn zur Line zwei wies. Das gleiche Verfahren wie am Westbahnhof wiederholte sich hier. Die Linie wurde in zwei Minuten angekündigt, die einfahrende Garnitur war leer.
Als Hartmut wieder die Oberfläche erreichte, konnte er das ‚Rathaus‘ von hinten sehen. Die Orientierung nach ausgedrucktem Plan war eindeutig festgelegt. Die Sonne schien, es war aber durch einen kleinen Wind nicht gar zu heiß. Es schien ein netter Spaziergang zu werden.
Während des gesamten Spaziergangs sah er gerade mal zwei Menschen, die auf ihren Fahrrädern unterwegs waren. Sie beachteten ihn nicht, jedenfalls grüßten sie ihn nicht. Hartmut hätte sich gerne mit ihnen unterhalten, aber sie schienen fast zu flüchten.
Als Hartmut beim Museum angekommen war, fiel ihm endlich auf, was er schon die ganze Zeit beobachten konnte: die Stadt oder der Teil, den er gesehen hatte, war blink blank geputzt. Die Straßenkehrer mussten zehn Minuten vor ihm am Werk gewesen sein. Allerdings konnte er keine sehen. Dafür gab es eine Erklärung. Die Straßenkehrer waren kleine Roboter, welche die Reinigungsarbeiten durchführten. Diese Roboter verwendeten eine Tarnung, wenn sie nicht arbeiteten. Die Tarnung war je nach Ort verschieden und bestand in Abdeckblechen, die sich so harmonisch in die Architektur eingliederten, dass man glauben konnte, es handelte sich um beabsichtigte Verzierungen.
Erst viel später konnte Hartmut die Tarnungen mit freiem Auge ausmachen. Hinter der offenen Eingangstür zum Museum konnte Hartmut eine Anzeige sehen: „Wir begrüßen heute Herrn Hartmut als 3.776.432ten Besucher.“ Daneben gab es einen Informationsautomaten im üblichen Design.
Hartmut beschloss, sich einmal das Museum anzusehen. Er wusste nicht, wie offen er den Wunsch aussprechen könnte, auch den Keller und Lagerraum des Museums sehen zu wollen.
Im ersten Stock gab es in den Gängen eine Bildergalerie. Die aufgehängten Bilder waren mit „aus der Biedermeierzeit“ beschrieben. Interessante Kleidungen, merkwürdige Personenzusammenstellung. Hartmut machte sich klar, dass es um Darstellungen ging, die über 200 Jahre alt waren. Dann kam er in einen Raum, der mit Vitrinen vollgestellt waren. In den Vitrinen gab es – Bücher! Da waren mehr Bücher enthalten, als Hartmut in den letzten zwanzig Jahren gesehen hatte. Er versuchte eine Vitrine zu öffnen. Eine Stimme machte ihn darauf aufmerksam, dass die Artefakte geschützt werden müsste. Er könnte sich die Bücher virtuell am Info-Automaten ansehen.
Er merkte sich einen Titel: „1848“. Im Raum gab es einen Infoautomaten. Er gab 1848 Buch ein und bekam den Titel ‚1848‘ und den Verfasser des Buches genannt, der auch am Buchrücken aufschien.
Als Hartmut das virtuelle Buch aufschlagen wollte, sah er eine Meldung: „Dies ist eine klassifizierte Information, bitte warten Sie ein paar Minuten.“
Nach ein paar Minuten meldete sich der Infoautomat wieder. Nun war Hartmut sehr überrascht.


  1. arrrrrggggg….. ein cliffhanger zum schluss….. und das wo ich doch eh schon so gespannt bin.
    bitte weiter machen…. ich brauch stoff von diesem stoff 🙂




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