Das gute Beispiel

Wie man ja in unzähligen Biographien berühmter Leute nachlesen kann, scheinen sehr oft Musiker Eltern gehabt zu haben, die ihnen die Musik nahe brachten.
Ich bin oft gefragt von Eltern gefragt worden, was denn ein gutes Rezept wäre, damit ihre Kinder anständig Klavier spielen lernen könnten. Meine Antwort darauf lautet auch heute noch: am besten selber spielen. Doch wenn das nicht geht, viel Musik hören – und zwar die Musik, die das Kind spielen soll. Also entweder klassische oder guten Jazz, z.B. Oscar Peterson…
Ich habe ja schon früher berichtet, dass die Ausdauer, die mich über die schwierige Zeit der Pubertät hinweg Klavier üben ließ, durch das Spiel meines Vaters induziert wurde. Mir hat das einfach so gut gefallen, dass ich es selbst spielen können wollte.

Der Mechanismus funktioniert noch heute. Ich habe nunmehr sehr viele Klavierstücke gehört. Manche sind so schwer, dass ich sie ganz bewusst nicht in Angriff nehme, andere sind leichter als sie sich anhören.
Ich habe auch sehr viele Noten, die ich noch nie gespielt habe. In Russland habe ich mir z.B. 4 Sammelbände Prokofiev gekauft, wobei leider die Sonaten nicht vorkommen. Gab es gerade nicht im Geschäft. Nun sind aber in einem der Sammelbände eine Reihe von Klavierstücken notiert, die ich teilweise sogar als Jugendlicher gespielt habe. Bei anderen schaut mir das Notenbild nicht so attraktiv aus.

Das täuscht allerdings gewaltig. (Das beweist wiederum, dass meine Entscheidung, nicht eine musikalische Laufbahn einzuschlagen, die für mich richtige war. Ich hätte nie meinen eigenen Ansprüchen genügt.) In meinem vorigen Beitrag habe ich einen Walzer aus Cinderella eingestellt, der ja ganz entzückend ist.
Aus den Noten konnte ich das nicht so ohne weiteres heraus lesen, doch die Interpretation von Svatoslav Richter ist sicher geeignet, die Delikatesse ins richtige Licht oder Gehör zu setzen.
Heute habe ich in meinen Noten gekramt. Ja, das Stück war enthalten und ich habe mich gleich daran gemacht, es zu probieren. Die erste Hälfte kann man einfach herunterspielen, wenn man die Melodie und den Gesamteindruck im Ohr hat.
Es macht große Freude.

Es scheint also ein gutes Rezept zu geben:
1) Anhören (ein guter Pianist sollte es schon sein.)
2) Noten besorgen (falls man sie nicht schon hat)
3) Probieren, ob die Technik nicht zu fordernd ist
4) Üben
5) Sich daran erfreuen.

So kann das Leben Spass machen. Das Rezept lässt sich durchaus auch auf andere Agenden des Lebens übertragen.


Bei Romeo und Julia habe ich allerdings kein Vorbild gebraucht. Da ist das Spielen so wie Marzipan essen…

Manchmal glaube ich, dass das zu spielen noch besser als Sex ist;)


  1. mit herzlichem Dank für die Anleitung,
    nähere ich mich doch tatsächlich im mir üblichen Rennschneckentempo dem waghalsigen Experiment im hohen Alter das Klavierspiel noch erlernen zu wollen…

    Weiß auch schon, wo das Klavier stehen wird. Die Hausnische fordert es geradezu ein..! 😉

    …als Kind… bevorzugte ich allerdings bereits andere Musik als meine Eltern. Wärend meine Mutter Schlager liebte und mein Vater mehr den Jazz und Blues, liebte ich schon in der Windel Klassik und Rock. Hm.

    Nun, Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich hoffe auch in Bezug auf meine hochgestochenen Vorhaben. Wenn.s vollkommen schiefläuft, behaupte ich, es sei Free-Jazz… 😉

  2. Weise gesprochen!

    Das Rezept läßt sich auf fast alle Lebensbereiche anwenden, so simpel ist es.
    Für ein Tun begeistern, für ein Denken, anregen selbst zu tun. Da kommt wesentlich mehr heraus als bei Frontalvortrag oder Pflicht.
    Das gilt für Musik ebenso wie für Bildnerisches oder Ökologie, Mathematik, Philosophie …
    Etwas selbst erreichen, das ist es, und wenn´s nur der Flohwalzer ist, der aber so perfekt wie möglich, oder das Zeichnen eines Steines, was auch nur funktioniert wenn man ihn begreift.

    Dass Spielen oder begeistertes Tun besser als Sex ist, das würde ich so nicht sagen, aber zumindest eben so gut, weil Leben ist zum Glück vielfältig.




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