die österreichische Seele

Während gestern die „russische Seele“ dran war, entdecke ich heute zufällig die „österreichische Seele“. Im relativ neuen, dritten Fernsehprogramm Österreichs wird gerade eine historische Einspielung zum Andenken eines soeben verstorbenen Sängers und Schauspielers Heinz Holecek gebracht. Zusammen mit Gundula Janowitz und Eberhard Wächter, der später Operndirektor in Wien war, dirigiert Karl Böhm die Wiener Philharmoniker. Nun welches Werk könnte das sein? Als ich 16 Jahre alt war, hätte ich bei einer solchen Frage auf „den Rosenkavalier“ getippt. Über die gespielte Oper hätte ich damals die Nase gerümpft, ja sie nicht einmal als Oper anerkannt. Zu sehr wurde sie als Operette verkauft und hauptsächlich auch nur in der Volksoper gespielt.
Es handelt sich um die „Fledermaus“ von Johann Strauss. Warum hat sich meine Haltung geändert. Erstens ist die Fledermaus wirklich eine Oper, was den musikalischen Gehalt angeht. Das Libretto passt vielleicht besser zu einer Operette, doch erst jetzt im Alter erkenne ich die Kunst darin. Soviel gelogen wie in diesem Werk wird in keinem anderen Bühnenstück. Im Siegfried kann man vielleicht aufgrund der Orchesterbegleitung erkennen, wenn der Mime ihn grade abmurksen will, wenn er den Siegfried umsäuselt. Doch das sind gerade zwei Stellen.
Im ersten Akt der Fledermaus wird ausschließlich gelogen und geschwindelt. Die Musik ist reizend, ein Ohrwurm nach dem anderen, und erst bei näherem Zuhören entdeckt man die Raffinesse mit der Strauss seine Akteure demaskiert.
Vielleicht hätte ich besser die „Wiener Seele“ schreiben sollen. Smalltalk ist mir immer auf den Wecker gegangen. Kürzlich erst wurde ich ermahnt, mich bei einer Party doch um alle Anwesenden zu kümmern und meine Wettermitteilungen gleichmäßig zu verteilen. Das kann ich nicht.
Aber es ist notwendig, wenn man in Wien reüssieren will. Und wenn man in die Gesellschaft hineinhört, – und mittlerweile kann das auch über die berühmten Reality-Shows im Fernsehen passieren – so lassen sich nur Oberflächlichkeit und Banalität erkennen. Man könnte sich bei so viel Flachheit umbringen wollen, wenn es nicht solche Kompositionen gäbe.
Die Fledermaus ist in meinen Augen ein großartiges Werk für die Dechiffrierung Wiener Gesellschaftshaltung. Heute verbirgt sie sich unter anderen Melodien und Rhythmen. Doch in Wirklichkeit hat die Oper nichts von ihrem Wahrheitsgehalt verloren.
Obwohl sie doch nur ein großer Spaß zu sein scheint…


  1. da kann ich überhaupt nicht widersprechen. wer „Die Fledermaus“ nicht mag, der kann von musik nicht allzu große ahnung haben.
    und ich bin stinksauer über eine aufnahme vom „Glynebourne Festival“, in der kein einziger österreicher singt … nur engländer und eine schwedin … der dirigent und die Adele sind russen. und diese truppe versucht nun krampfhaft das zu erzeugen, was sie so schön mit „Wiener Seele“ beschreiben. es stimmt nichts, es ist fremdschämen angesagt, und letztendlich wut darüber, wie man ein solches meisterwerk so total verhackstücken kann.
    http://www.amazon.de/Johann-Strauss-Die-Fledermaus-Blu-ray/dp/B0015U7ZXO/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1335010734&sr=8-1

  2. interessante Worte Wie kommt es, dass mir dabei die Verfilmung mit „Jopi“ Heesters in den Sinn kommt!? Als ich mir eben folgenden Ausschnitt auf Youtube ansah, fiel mir eine gewisse Analogie zum berühmten Opernball ein:

    http://youtu.be/zQk3bziAElQ

    Insofern wirklich interessant, was Sie über die „österreichische rsp Wiener Seele“ heute schreiben. Nachdenkenswert!
    Und vor allem… mal wieder ansehen[anhörens]wert… allerdings würde ich mir dann doch eine gute, zeitgemäße Fledermaus-Inszenierung ansehen wollen [die 44er Verfilmung zählt für mich nicht dazu!!]
    Vielleicht haben Sie – als 2day-„Kulturinstanz“ – wie es der liebwerte Herr Josef d.Ä. heute auf meinem Blog ausdrückte – da einen Tipp [oder ist es die von Ihnen oben erwähnte mit Karl Böhm – leider ist das 3.ORF-TV hier nicht zu sehen… und ich fand nichts via Internet… jedenfalls nicht auf die Schnelle]?
    😀

  3. die fledermaus hab ich als kind schon gern gemocht. und hör sie mir auch heute gerne immer wieder einmal an;-)




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