ebenfalls Familie

Vorab: keine Sorge – die Geschichte wird fortgesetzt.
Dieser Eintrag heute ist ein sehr persönlicher, der einen traurigen Anlass hat. Die Mutter einer Bloggerin ist gestorben. Über den schlechten Allgemeinzustand wurde bereits vorher gebloggt. Ich kenne die Familie nicht gut genug, um die Situation des relativ plötzlich eingetretenen Todesfalls richtig zu kommentieren. Ich komme daher über die bloße Beileidsformel nicht hinaus.
Das bedeutet allerdings nicht, dass ich nicht meine Gedanken um die Bloggerin kreisen lasse und versuche mir auszumalen, wie sie jetzt empfindet. Es gibt da schließlich auch noch einen pflegebedürftigen Vater, der ebenfalls damit fertig werden muss.

Ich wollte einen bestimmten Teil einer Musik ins Internet stellen, aber er wird nicht so, dass ich ihn wirklich veröffentlichen mag. Das Werk gibt oder besser gab es nicht, bis ich heute noch einmal einen Versuch unternahm. Und tatsächlich findet sich jetzt der erste Satz der 4. Symphonie Schmidt im Internet. (Ich wollte an sich das Adagio hineinstellen, aber der erste Satz tut es auch. Warum, darüber später. Und der Link findet sich ganz am Schluss.)
Die 4. Symphonie hat Franz Schmidt auf den Tod seiner Tochter geschrieben, unter dem er sehr gelitten hat. Es gibt ein Zitat von ihm: „(er wollte) die letzte Musik schreiben, die man hört, während man ins Jenseits geht.“
Und diesen Wunsch konnte er wohl realisieren. Über Musikgeschmack lässt sich genauso streiten wie über andere Geschmäcker. Fest steht, dass das Adagio (der Trauermarsch) noch etwas trauriger ist als alle anderen bekannten Trauermärsche (Chopin und Mahler durchaus berücksichtigt). Und die schönen Stellen sind noch schöner als andere Stellen (Strauss und Beethoven, Prokovief und Ravel durchaus berücksichtigt)
Wie gesagt, das ist eine subjektive Bewertung, die allerdings in unserer Famile noch eine weitere Ausdehnung hatte.
Mein Vater war in Franz Schmidt vernarrt, war sehr unglücklich, dass er ihn nicht als Schüler angenommen hatte. („Was? Sie studieren an der Technik und an der Musikakademie gleichzeitig? Ich kann sie da nicht als Schüler annehmen. Ich will reine Musiker.“ Etwas ruppig vorgebracht. Mein Vater war letztlich Bauingenieur, in den letzten Jahren hielt er Musikvorträge, ähnlich wie Marcel Prawy. Von seinen Musikstudien habe ich viel profitiert.)

Als mein Vater starb, spielte ich zu seinem Begräbnis einige Stücke, die er selbst für das Klavier transkribiert hatte. Die klangen auch auf dem Harmonium in der Friedhofshalle recht gut.

Auch meine Mutter mochte Schmidt. Natürlich mochte sie meinen Vater und seine Begeisterung konnte auf sie übergeschwappt sein. Doch das ist nicht die wichtige Komponente. Meine Mutter war ebenfalls sehr musikalisch, spielte in den jungen Jahren ihrer Ehe mit meinem Vater vierhändig und war für den Tristan von Wagner genauso aufgeschlossen wie für Franz Lehar.
Die vierte Symphonie mochte sie, wollte aber nicht, dass man sie auf Platte auflegte. Sie musste sofort zu weinen anfangen, sobald sie den Anfang hörte – und dann natürlich in der Fortsetzung auch noch. Es ist dies eine Eigenschaft, die ich an meiner Mutter liebe. An die ich mich heute noch – mehr mit Freude als mit Wehmut – erinnere. Da gibt es eine Verbindung, ein unausgesprochenes Einverständnis, dass die Musik in der gleichen Stimmung gehört wird, wie ich sie höre. Da gibt es Verwandtschaft, ein Wiederfinden. „Diese Musik ist so traurig, die kann ich mir nicht anhören.“ waren manchmal ihre Worte, wenn ganz selten die Platte (mit einem blauen Umschlag) doch aufgelegt wurde oder zufällig im Radio gespielt wurde, was in Österreich ja ab und zu mal vorkommen mag.
Ich hatte Schwierigkeiten zu erkennen, dass mich meine Mutter liebte. Ich hatte das Gefühl, nur wegen meiner Leistungen geliebt zu werden. Erst zehn Jahre nach ihrem Tod – das ist jetzt auch schon wieder fast zehn Jahre her – , wobei das Umdenken aber durch die sehr gute Begräbnisansprache des Priesters ausgelöst worden war, veränderte ich meine Haltung und fand vielleicht aus der Rolle „guter Sohn spielen“ in die Rolle „liebender Sohn sein“, was sinnvoll wäre, wenn sie noch leben würde.

„In Wien musst erst tot sein, damit du was wirst.“ Diesen Satz hört man oft, wenn man über Künstler spricht. Es ist wohl die Krux der meisten Menschen, (es gibt ja auch durchaus Ausnahmen) dass der Wert eines Menschen oder eines Umstandes erst dann festgestellt wird, wenn man sich mit dem Vermissen auseinandersetzen muss.

Zum Schluss kommend möchte ich bemerken, dass fernab jeder religiösen Interpretation, Menschen für mich nicht sterben. Sie gehen in eine andere Welt oder sie werden transformiert. Wenn es so etwas wie bewusste Seelen (oder von mir aus auch unbewusste Seelen) gibt, so bleiben sie erhalten. Anders ist die Wirkung der Gedanken an die Vorfahren kaum für mich zu erklären. Es fängt ja schon damit an, dass man besser verstehen lernt, wenn man selbst in das Alter kommt, in dem man seine Eltern oder Grosseltern als Kind erlebt hat. Aber es trifft auch auf Menschen zu, die man in seinem Leben nie getroffen hat.

Und so wünsche ich der Bloggerin, dass sie trotz der beschriebenen schwierigen Lebensumstände jene Entwicklung erfahren kann, nach der die Vergangenheit von den positiven statt den negativen Erinnerungen bestimmt wird. Die Zeit heilt hier nicht Wunden sondern sie ermöglicht die ruhige Reflexion, die nicht durch aktuelle Katastrophen beeinträchtigt ist. Und auf diese Weise können möglicherweise auch ganz starre, ererbte Verhaltensmuster aufgeweicht werden.

Und hier die Musik:


  1. Ich weiß nicht, ob ich die Chuzpe besitzen darf (wahrscheinlich tue ich es gerade)…ich wünsche mir, falls ich vor dir in die ewigen Jagdgründe reite, dass Du meinen Nachruf verfasst. Wer ihn vortragen wird, darüber habe ich noch keinerlei Vorstellung. Aber eines weiß ich heute schon, alle werden gerührt und berührt sein, so wie ich jetzt von diesen Worten.
    Den Spruch auf meinem Grabstein, den habe ich schon vor Jahren gefunden: „I did´nt wake up this morning!“ Welchen ich wohl aus irgendeinen Bluessong herausgehört habe.
    Bis dahin, bin ich dankbar, Menschen wie Dich zu kennen.

  2. … und schon wieder laufen mir die Tränen – danke. Es scheint einfach ein Jahr des Sterbens zu sein, so massiv wie dieses Jahr habe ich das aber noch nie erlebt.

  3. hab nun tränen in den augen und eine gänsehaut …
    sich durch den tod verabschieden zu müssen ist grausam, aber es ist




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