ein historischer Moment

AlphaGo, ein Go-spielendes Computerprogramm hat den Weltmeister in der ersten Partie eines Turniers über 5 Spiele geschlagen. Das bedeutet jetzt noch nicht, dass der Weltmeister insgesamt verloren hat. Aber der Umstand, dass es möglich war, hat einen Tatbestand geschaffen, der erst in zehn Jahren zu erwarten war, gibt zu denken.
Ich sehe das als einen historischen Moment an.
Im Gegensatz zu Schach galt Go lange Zeit als nicht ausreichend beherrschbar für den Computer. Obwohl die Regeln sehr einfach erscheinen, sind die möglichen Variationen, die durchgerechnet werden müssen, zu viele, um hier einfach mit „roher Gewalt“ (brute force method) durchrechnen zu können.
Doch jetzt hat Google durch das gleichzeitige Wirken von drei verschiedenen Berechnungsmethoden, zwei mal neurale Netzwerke, einmal Monte-Carlo-Simulation, ein Programm zusammengesetzt, welches sich selbst weiterentwickeln kann. Einerseits wurden 20 Millionen menschliche Partien eingefüttert, andererseits spielt das Programm jetzt auch gegen sich selbst und verbessert sich ohne menschliches Zutun.
Ich habe mir die erste Partie angeschaut. Was schon Kasparov vor zehn Jahren über das damalige Schachprogramm gesagt hat, trifft wiederum zu. Man kann in dem vorliegenden Programm an den Zügen nicht erkennen, ob hier ein Mensch oder eine Maschine „denkt“. Die Partie selbst wurde sehr scharf gespielt, ist aber in der Analyse durchaus nachvollziehbar.
Was bedeutet das nun? Erstens, dass ich schleunigst mein Buch fertig schreiben muss, damit es nicht von „einer“ Realität überholt und uninteressant wird.
Zweitens, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis die Leser einer eigentlich renommierten Tageszeitung, die ihre Meinungen mit dümmlichen Postings kund tun, umdenken werden müssen. Manchmal denke ich, dass die Kommentare so ähnlich verlaufen, wie sich ein verstockter Krimineller beim Verhör verhält: ja nichts zugeben, was nicht bewiesen werden kann.
Die Überlegenheit des menschlichen Geistes wird gerade von denen aufs Heftigste postuliert, die durch die Art ihre Argumentation beweisen, dass gerade sie nicht so überlegen denken können.
Wie gesagt, heute ist ein historischer Tag. Man könnte es mit dem ersten Atlantik-Flug vergleichen, mit der ersten Mondlandung oder dem ersten Zug, der den Semmering überquert hat. Immer gab es Skeptizismus, der vehement zu Aussagen führte: da fährt ja der Teufel mit. (Nachzulesen bei Peter Rossegger) Den Teufel haben wir jetzt wieder. Und so wie die Menschheit jede technische Errungenschaft zuerst für militärische Zwecke verwendet, hat der Teufel wieder ein Stückchen Territorium erobert.
Live Mitschnitt der ersten Partie
(dauert 4 Stunden, aber man kann sich ja auch einige Passagen heraus anwählen. Interessant: die Stellung nach den ersten 10 Zügen, die Endstellung. Dazwischen ist es wohl nur für Go-Spieler ab einer gewissen Spielstärke, z.B. 1 Dan, anregend.)
Auch interessant über die Geschichte des Programms


  1. Ich habe die Nachrichten dazu auch gelesen und teile Ihre Einschätzung. Außerdem wird es höchste Zeit für mich, Go spielen zu lernen.

  2. iGing

    Ich habe viele Nachmittage Go-spielend mit meinem damaligen Freund in einem Café in Büsum verbracht – wenn draußen der Sturm tobte oder im Hedwigenkoog mal wieder grade kein Wasser da war zum Baden. Unser Anliegen war weder, die Überlegenheit des menschlichen Geistes über irgendetwas zu beweisen, noch uns mit unserer persönlichen Überlegenheit zu brüsten, sondern einfach das Spiel im Rahmen unserer Möglichkeiten zu spielen und dabei Spaß zu haben. Natürlich „gewann“ immer einer, aber in allererster Linie mochten wir einfach das Spiel.
    Was Sie schreiben, kommt mir dagegen vor, als müsste man nicht nur Weltmeister im Laufen werden, um Spaß am Laufen zu haben, sondern schlimmer noch: Hauptsache, man wird Weltmeister, auch wenn einem das Laufen überhaupt keinen Spaß macht.
    Wenn das menschliche Miteinander auf der Strecke bleibt zugunsten ausgeklügelter Strategien, dann kommt überhaupt erst diese ganze Problematik auf, die Sie so gerne heraufbeschwören.
    (Bitte um Entschuldigung für das dümmliche Posting.)




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