Eloge negativ

Bloggen? Was für eine sich selbst ans Absurdum führende, narzisstische Angeberei, als wäre das Ausgeworfene die Krone literarischer Schöpfung. Das Blog, ein Sammelsurium angeberischer Selbstbeweinung, welches durch seine Struktur eine Persönlichkeit invers proportional in ihrer Kommunikationsfähigkeit aufblättert.Ein Blog kann sehr viel über seine Autorin aussagen, auch dann, wenn es nicht geführt wird. (Es gibt ja Menschen, die weder verstehen, warum man bloggt, es noch je tun würden.)
Es gibt ein interessantes Buch von Stephen R. Covey: Die sieben Wege zur Effektivität. Als ich einmal in Sonoma, CA, beim Friseur saß, (und dieser Nebensatz ist schon gelogen, denn es war mein Freund, der sich pudelscheren ließ, während ich in einem Frühstückskaffeehaus mit einem Komponisten plauderte) äußerte sich dieser hinsichtlich meiner Begeisterung für das Buch, welches ich damals gerade las, (das Buch ist verpflichtend für jeden Psychologie-Studenten in den USA) mit dem lakonischen Ausruf: „Oh! This masterpiece of American puritanism“.
In einem Blog kann ich in so einem Absatz mehr angeben, als ich es je im Gespräch könnte, ohne übertrieben angeberisch entlarvt werden zu können.
1) Ich lese ein Buch, was viele Menschen für ein sehr gutes Buch halten.
2) Ich lese überhaupt.
3) Ich war schon in Sonoma. Sonoma ist zu Napa (beides sind Städtchen, für die es ein je gleichnamiges Valley gibt) das, was Sievering zu Grinzing ist. Ein Synonym für Wein, wobei Sievering den einheimischen Wienern mehr zusagt, als die Tourismus-Multischenke Grinzing. (Beides sind Heurigen-Zentren in Wien, wo man sich abfüllen lässt. Die Wiener amüsieren sich köstlich, wenn die Deutschen den Wein unterschätzen und nach drei Viertel dann torkelnd auf den Straßen wandeln.
4) Ich kann einfließen lassen, dass mir Sonoma besser gefällt als Napa, weil ich eben „elitär“ und etwas „bio“ bin. In Sonoma gibt es nämlich einen Bauernmarkt, den man sonst nicht so leicht in Kalifornien findet.
5) Ich scheine mich mich mit dem amerikanischen College-System auszukennen.
6) Ich erwarte, dass jeder meine Anspielungen erkennt und versteht und in eine begeisterte „Ah, toll“-Bewunderung gleich direkt auf den Arsch fliegt.
Mein Exhibitionismus geht so weit, dass ich das Bloggen schon mal als eine Vorstufe zum Vögeln gesehen habe. Ich kann mich herrlich produzieren und manche Frauen werden neugierig und geben sich mit dem größten Vergnügen hin. Das funktioniert noch besser als mit dem Klavierspiel, weil das Klavier ja nicht immer zur Verfügung steht. Man kann auch nicht mit seiner Schwanzgröße prahlen, wenn er gerade amputiert worden ist. (Nein, nicht was Sie jetzt denken: meiner ist noch dran.)
Ein Blog zeigt einfach, was für ein toller Mensch man ist. Man gehört nicht zu den 20%, die noch nicht einmal lesen können. (PISA-Studie) Man beherrscht sogar einigermaßen die Rechtschreibung. Man darf sich als umjubelter Journalist fühlen, der kein _Risiko_ der Ablehnung eingeht. Wie oft habe ich mir gedacht, dass ich etwas denke, was es als Artikel oder als „die andere Meinung“ in ein anerkanntes Printmedium schaffen müsste. Dann müsste ich das aber auch einsenden und würde Zurückweisung riskieren.
Strahle ich einmal nicht, dient das Blog noch immer als Ausweinbasis, die ich persönlich nicht verwende, weil ich ja auch der Nachwelt als strahlender Held erhalten werden möchte. Das Äußerste der Gefühle ist die Ausschleimbasis. Es gibt doch wirklich viel zu vieles, über das man sich aufregen kann. Ich wurde sogar schon kommentiert, dass meine Zornesausbrüche das Beste wären, welches auf meinem Blog zu finden sei.
Vieles könnte ich hier noch ausführen, um zu zeigen, dass ein Blog in Wirklichkeit ein selbsttherapeutischer Ansatz ist, sich mit seinen Schwächen und Eitelkeiten auseinander zu setzen. Wenn die Therapie anschlägt, fällt es einem wie Schuppen von den Augen und schaudernd fragt man sich, wie man einem derartigen Blogoholismus verfallen konnte.
Mitleidig sieht man auf die Zwitschernden und die ihr einziges Buch auf dem Gesicht tragenden Koma-Schreiber herunter. Dort ist das Hirn ja bereits soweit verkommen, dass nur mehr Fünckchen eigener Gedanken wie der Rest einer vom Wind vertragenden Glut irgendwo einen Waldbrand entfachen können.
Gestern las ich in den Medien, dass man im Zuge einer Razzia auf der Suche nach Kinderpornographie einen „Akadamiker“, der vor dem Bildschirm einem Herzinfarkt erlegen war und damit selbst der Verfolgung entzogen hatte, vorgefunden hätte.
Ich frage mich, ob es nicht einmal ein Blog geben könnte, dessen plötzliches Ausbleiben die Stammlesen dazu bringen könnte, die Polizei zu alarmieren, ob denn da nicht einer schon wochenlang in seinem Domizil verrotte, ohne dass die Nachbarn es mitbekommen hätten.
Bloggen, diese Ausgeburt selbstherrlicher Selbstüberschätzung. Twittern, die neue Variante des Tourette-Syndroms, Facebooken, der krampfhafte Versuch, die hehren Gedanken einer leeren Hirnmassenmenge einzuflößen, wobei hier noch das „Liken“ von Inhalten eine Rolle spielt, deren Aktualität den alten Bärten der über sechshundert Jahre alten Gestalten aus der Genesis nicht nachsteht.
Das Letztere wird einmal die neue Bibel sein. Jemand wird die Ergüsse auf Facebook analysieren und sie als göttliche Eingebung hinstellen. Die etwas gehobenere Darstellung in Blogs wird in den Schriften der neuen Propheten zusammengefasst werden. Die bekannten A-Blogger werden jeder ein eigenes Buch bekommen. Das Buch Walhalladada, das Buch Herbst, das Buch Nömix. Unsere Zeit der Medienaufklärung wird in den Geschichts- und Lehrbüchern mit „nömizianischer Verwirrungsmediologie“ angeführt werden.
Das Buch Herbst wird mit einer Wehklage enden, die das Ausbleiben des Winters mit dem Ausbleiben eines dritten Satzes von Schuberts Unvollendeter vergleicht.
Die Klasse (im mathematischen Sinn) der Blogger hat sich ungefähr in der gleichen Epoche formiert, in der Menschen den Computer akzeptiert haben, die ihn sonst abgelehnt hätten. Schriftsteller schreiben nicht mehr mit ihrer einen geliebten Schreibmaschine oder überhaupt mit Papier und Füllfeder. Es gibt ein neues verzeihendes Medium, welches nicht sofort aufbrüllt, wenn es vergewaltigt wird.
Zurückkommend auf die selbsttherapeutische Wirkung des Bloggens muss davon ausgegangen werden, dass bei einer ähnlichen intellektuellen Basisstruktur ziemlich gleichzeitig der Heilungseffekt stattfinden und sich manifestieren wird.
Ich schlage mir mit der flachen Hand auf die Stirn und frage mich, ob ich es war, der das alles geschrieben hat. Ist ja fürchterlich. Einzige Rettung absoluter Entzug.
Und wie beim Alkoholismus reicht ein einziger kleiner Kommentar, um wieder dem Pegelbloggen zu erliegen. „Habe ich heute schon gebloggt oder bin ich wirklich so leer, wie ich mich fühle?“ Eine teuflische Fragestellung.
Scheut man sich allerdings, diese Frage an sich selbst zu stellen, lässt es sich immer in den Wehklage verpacken: „Warum bloggen denn die anderen nicht mehr?“
Es gibt genügend hinreichende Gründe, welche für das Bloggen sprechen. Bloggen als Bereicherung des Horizonts und vieles andere, dass ich hier jetzt nicht erwähne, um den Grundtenor dieses Beitrags nicht abzuschwächen.
Doch ja! Es gibt Gründe, mit dem Bloggen aufzuhören. Genauso wie es den Weihnachtsmann gibt. Und diese Gründe sind nicht weniger edel…


  1. you made my day, Mister Steppenhund. Tupfe mir soeben die Lachtränen aus den Augenfurchen. Herzlichen Dank für diesen erfrischenden Beitrag.

    Meine Meinung zum Bloggen ist ja bereits bei Frau Frogg kundgetan und nehme infolgedessen Abstand, ihn hierhin cross-zu-posten.

    Und lache noch immer…. sensationelle Seitenhiebe…! 😉

  2. Ein wortgewaltiges Pamphlet eines Bloggers der Extraklasse!
    „Like“

    Dem Inhalt ist eigentlich nichts hinzu zu fügen, legt er doch die Seele des Bloggens offen dar.

    Als Vorstufe zum Koitus habe ich Bloggen bislang nicht gesehen, allerdings, jetzt wo ich diese Interpretation lese, es hat was, zumindest Intimität, so man sie zuläßt, allerdings wohl eher in Richtung Masturbation.

  3. „Ah, toll!“
    Eigentlich wollte ich brav arbeiten, statt in Blogs zu lesen – und bin jetzt sehr froh, mich nicht daran gehalten zu haben.
    (Ich erbitte umgehend das Klavier der Nachbarn!)

  4. sie sehen mich nachdenklich unter lachen …
    eine höchst effiziente art des erkenntnisgewinns …
    wohl dem, der so etwas zustande bringt …
    chapeau !

  5. Richtig launig und herzerfrischend geschrieben! I like it too
    ; )

  6. Köstlich!
    Jetzt weiß ich, was mir die letzten beiden Wochen gefehlt hat:
    [Diese Art der] Ihr[ig]e[n] [Selbst]Ironie!
    I „like“ it!
    🙂

  7. Ach, wie hieß das doch nochmal in diesem bekannten Zitat?
    Ich blogge, also bin ich.

  8. Herr Steppenhund, würdest du das, worüber du im Blog schreibst, am gleichen Tag deiner Frau, deinen Kindern oder den Arbeitskollegen von Angesicht zu Angesicht erzählen?

  9. klobouk dolu! ein sehr gelungener beitrag!

  10. das bloggen ergibt sich aus dem medium des internets, den sprachlichen und geistigen fähigkeiten des bloggers sowie seinen bedürfnissen an selbstdarstellung, erfahrungsaustausch und kommunikation. hinzu kommen einfach interessensdarstellungen und info.
    mehr muss man dazu gar nicht ablabern.

  11. Jau… „“Warum vertschüssen sich mehr und mehr Blogger und warum wird soviel weniger geschrieben?“
    (Das scheinen meine anderen Kommentierenden auch so verstanden zu haben.)“

    Ich auch:-)))

    Sehr guter Beitrag!




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