Fortsetzung

hans1962 hat auf den letzten Beitrag einen Kommentar eingestellt, der auf eine dringende Fortsetzung hinweist. Ich greife hier ein paar Aussagen heraus, die ich nicht so einfach unkommentiert lassen möchte. Ich versuche sie, nicht außerhalb des Kontexts zu verwenden. Für alle Fälle kann aber der gesamte Kommentar im letzten Beitrag eingesehen werden.
Punkt 1:
Wer in der Entwicklung seiner intellektuellen Fähigkeiten durch das Elternhaus behindert wird – allem voran durch offen vorgeführte Aversionen gegenüber jedem „Wissen“ und jedem „Verständnis“ – müsste vom Schulsystem aufgefangen werden. Die Überwindung von sozialen Barrieren beschränkt sich nicht bloß auf die Möglichkeit zur Befreiung aus materieller Not, sondern betrifft selbstverständlich insbesondere die Aufweitung von Enge im Geist. Um letzteres zu bewerkstelligen, bedarf es selbstredend zumindest eines Lehrers, der seine Pflichterfüllung nicht nur in der termingerechten Abarbeitung eines Lehrplanes erlebt, sondern darüber hinaus dem jungen Menschen durch die eigene beispielgebende Haltung Ankerpunkte ermöglicht, sodass der junge Mensch selbst zu einer veränderten Lebenshaltung finden kann.

Ich stimme dieser Aussage zu. Ich gebe allerdings hier zwei politische Punkte zu bedenken. In allen politischen Diskussionen wird lediglich über den materiellen Aspekt, z.B. einer Studiengebühr, gesprochen. Die heutige Generation von Lehrern wurde aber bereits in einem Umfeld ausgebildet, in der „beispielgebende Haltung“ absolut keine Kategorie mehr darstellt. Da spreche ich von den Schulversuchen der Siebzigerjahre, in denen mit Pflicht und Drill aufgeräumt wurde. Das wäre an sich nicht abzulehnen, allerdings hat man das Kind mit dem Bad mit ausgeschüttet. Es ist auch das Wissen über notwendiges Üben, Trainieren und die Notwendigkeit der Überprüfung verschütt gegangen.
Wenn ich die Meinungen heutiger Lehrer anhöre, (ich spreche jetzt von der Mehrheit, nicht von den Ausnahmen) so würden sämtliche Lehrer, die ich in meiner Jugend als ausgezeichnete Lehrer erleben durfte, durch den Rost fallen. Sie wären nicht mehr in.
Ein ähnliches System ist z.B. in der Kunst, in der Klavierinterpretation, zu finden. Ein Cortot würde heute nicht einmal die Stufen einer Konzertbühne betreten dürfen, er wäre nicht „perfekt“ genug. Für seine Liebe zur Musik wäre kein Platz im Konzertwesen. Ein Lehrer mit Liebe zu seinem Fach wird heute durch aktive Beihilfe der Eltern „fertig“ gemacht.
Punkt 2:

Falls das in der Schule gelingt, bedarf es auch der geeigneten Unterstützung bei der Ablösung aus einem bildungsfeindlichen Milieu. Wer sich ernsthaft mit familiären Systemerhaltungskräften beschäftigt hat, weiß, wie aufwendig und schwierig dieses Unterfangen werden kann.
Wo solche Befreiung, diese Emanzipation nicht gelingt – solch Scheitern ausschließlich dem Unwillen des Betroffenen zuzuschreiben, wäre schlicht so unangemessen, wie unverständig – haben wir es mit Mitmenschen zu tun, die sozial bedingt „vergiftet“ blieben. Aber auch für diese Betroffenen besteht im späteren Erwachsenenleben noch die in der Regel aussichtsreiche Möglichkeit, eine Änderung der Lebenshaltung zu erreichen. Das ist allerdings ausgesprochen ressourcenintensiv und erfordert meist einen erschütternden, um nicht zu sagen: destabilisierenden – Impuls von außen, dem Leben schlechthin.

Arbeitslosigkeit sollte eigentlich erschütternd genug sein. Ich hatte Gelegenheit während meiner eigenen Arbeitslosigkeit mit Mitleidenden zu sprechen, die alle ähnlich wie ich aus guten Posten plötzlich aufgrund Restrukturierungen hinaus katapultiert wurden. Für jeden hat es Veränderungen in seinem Leben bedeutet, wobei die materiellen Einbußen nicht einmal so schlimm sein müssen wie das Bewusstsein, irgendwo versagt zu haben, und nicht zu wissen, was man hätte anders tun können. Man befindet sich in der Gewalt von anderen.
Ich selbst bin jedesmal von Menschen begeistert, die hier einen Lebenswandel erlebt haben. (Ich schließe mich selbst aus, irgendwie war es bei mir nur materiell schlimm, damals gab es keine Depression bei mir.)
Ich liebe Menschen, die Wissen aufzusaugen versuchen und dabei auch letztlich erfolgreich sind. Es ist umso bewundernswerter, wenn klar ist, dass bestimmte Inhalte nicht nur wegen des Jobs erworben werden.
Punkt 3:
Die Erkenntnis, „wie es hätte gewesen sein können“, ist wohl die schmerzhafteste Erkenntnis, die der unerbittliche Mensch sich selbst antun kann. Dass ihm diese „Weisheit“ von anderen aufgesetzt wird, spielt im Vergleich dazu eine völlig unbedeutende Rolle. Nichtsdestotrotz ermächtigen sich andere unter Berufung auf ihre eigene unbegründete Phantasie, für jenen Mitmenschen zu befinden, dass er es in der Hand gehabt hätte.

Diesen Punkt kann ich nicht zustimmen, obwohl ich mir bewusst bin, dass ich damit brutal klinge. Und zwar geht es um den letzten Satz.
Der Mensch hat es in der Hand. Es gibt genügend Beispiele, wo sich der Mensch nicht unbedingt selber helfen kann. Dann muss er sich helfen lassen. Das bedeutet aber manchmal auch, die Meinung eines anderen zu akzeptieren, obwohl es so aussieht, dass der andere leichtfertig urteilt. Die unbegründete Phantasie wird von Menschen strapaziert, die sich von Krone und Österreich bilden lassen und sich damit selbst einer erdrückenden Menge von Vorurteilen aussetzen.
Nicht immer ist eine Beurteilung leichtfertig. Ob eine Phantasie begründet oder unbegründet ist, ist ebenfalls nicht so leicht zu entscheiden.
Was für den „gesunden“ Menschen am schwersten zum vorstellen fällt, ist die Wirkung von Depression. Ich würde behaupten, dass man es sich nicht vorstellen kann, wenn man nicht selber in der Situation war.
Aber dann ist es relativ einfach zu sagen:
zuerst die Depression heilen und dann das Leben in die Hand nehmen. Dass das erstere nicht ohne ärztliche Hilfe und Medikation zu erreichen ist, – also nicht aus eigener Anstrengung allein – habe ich kürzlich im Radio gehört. Ich bin kein Arzt, aber es kommt mir plausibel vor.


  1. Dass das erstere nicht ohne ärztliche Hilfe und Medikation zu erreichen ist, – also nicht aus eigener Anstrengung allein – habe ich kürzlich im Radio gehört. Ich bin kein Arzt, aber es kommt mir plausibel vor.

    Das ist in der Tat so.

  2. Ich frage mich, was ein Lehrer eigentlich noch alles so machen soll und sein soll. In einer Art Quizshow habe ich neulich zwei Kandidatinnen gesehen, die, wie der Moderator sich ausdrückte „zukünftige Grundschullehrerinnen“ gewesen sein sollen. Leider wurde nicht gesagt, in welchem Stadium sie sich befanden. Sie sahen sehr jung aus und wirkten erschreckend kindlich. Sie ahnten nur, dass Meißen „im Osten“ liegen müsse und zeigten erschreckende Allgemeinbildungs-Defizite. Einen Celebrity-Star kannten sie allerdings (da waren sie mir überlegen). Selbst wenn es noch zwei oder drei Jahre dauert, bis diese Frauen auf Kinder losgelassen werden, bedauere ich heute schon diese Schüler. Dabei werden sie vermutlich die Frauen sympathisch und nett finden, weil sie viel Verständnis und Mitleid haben werden.

    Im Laufe der Zeit wurde der tyrannische Lehrer durch den verständnisvollen ersetzt. Das hatte mit den 68ern zu tun. Ich stimme steppenhund zu, dass man bei allen wichtigen Impulsen dabei auch das Kind mit dem Bade ausgeschüttet hatte. Heute soll der Lehrer die Erziehungsdefizite, die durch Eltern (sofern sie vorhanden sind) verbockt worden sind, ausbügeln. Hierfür sind sie weder ausgebildet, noch ist es ihre Aufgabe. Tatsächlich sollen sie Lehrstoff vermitteln und Lust auf Wissen machen – und keine Sozialarbeit leisten. Ich finde, dass sollte auch weitgehend so bleiben.

    Ich wäre für die Zurseitestellung eines „Sozialpädagogen“, der bei allen sozialen Problemen innerhalb einer Klasse agiert und zur Seite steht. Ein Sozialpädagoge für jede Klasse, wie es einen Klassenlehrer gibt. Wohl gemerkt: Ich rede nicht von einem Sozialarbeiter. Diese Leute gerieren sich zu schell als parteiische Kumpel und geben sich oft voreilig mit rudimentären Korrekturen zufrieden.

    Kinder und Jugendliche, die in ihren Elternhäusern drohen zu verwahrlosen, sollten schneller in die Obhut von Internaten kommen, die solche Jugendlichen ganztags schulisch und sozialtherapeutisch betreuen.

    Grundsätzlich glaube ich, dass jeder Mensch sein „Schicksal“ selber „in der Hand“ hat. Der eine früher – der andere später. Es ist lächerlich, wenn sich 30- oder 40jährige auf ihr zerrüttetes Elternhaus oder das Verlassen des Ehepartners beziehen und dies als Bezugsgrösse für ihr wie auch immer gescheiteres Leben heranziehen. Es sind häufig diese bequemen Wege, die von den eigenen Unzulänglichkeiten und Fehlern ablenken sollen. AUch dies ein Relikt aus den 70er Jahren, als „die Gesellschaft“ immer alles Schuld war.




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