gemilderte Enttäuschung

Die letzten Tage waren sehr arbeits- und lehrreich, aber keinesfalls von Erfolg gekrönt. Die Lehrziele, die ich vermitteln wollte, gingen in rein technischen Problemen mit dem Betrieb der Software (in diesem Fall nicht unsere) unter, zum eigentlichen Unterricht kam ich nicht. Wenigstens mein Einsatz wurde gewürdigt, aber das ist eher als ein Pyrrhus-Sieg zu bewerten.

Weil ich mehr oder weniger Tag und Nacht arbeitete, kam ich nicht zu einer Stadtbesichtung oder sonstigen kulturellen Eindrücken. Trotzdem habe ich etwas Interessantes gelernt. Und zwar nachträglich aus dem Internet.

Ich hatte mich nie nach der geographischen Lage der Geburtsstädte meiner Großeltern erkundigt. Gefühlsmäßig hatte ich sie nördlich von Linz angeordnet, was ein großer Irrtum war. Von den Gesprächen, die ich als kleines Kind mitgehört hatte, waren beide Großeltern von ihren Heimatorten alles andere als begeistert. Die einen sind dann freiwillig, die anderen gezwungenermaßen nach Wien gezogen.

Schon neugierig, wo die jetzt her waren?

Allerdings hatte mein Großvater noch sehr schöne Landschaftsaquarelle aus der Gegend gemalt. Eine Landschaft, die ich mir jetzt, nach meinen Zugfahrten nach und von Ostrava (Mährisch-Ostrau) recht gut vorstellen kann. Beim Mittagessen erfuhr ich, dass beide Orte in sehr naher Entfernung zu Ostrava liegen, also in der nordöstliche Ecke von Tschechien. Nun sollte man zwar Schlesien geographisch einordnen können. Aber Geographie war weder mein Interesse in der Schule noch bekam ich alle Ortsverhältnisse intuitiv „ins Blut“. Dass man z.B. von Prag mehr nach Norden als nach Westen fährt, wenn man in Richtung Dresden unterwegs ist, habe ich erst beim letzten Ausflug nach Meißen so richtig mitbekommen. Wäre es anders, müsste Prag ja auch an der Elbe liegen. Tut es nicht, jetzt sind mir die Wasserverläufe endlich klar geworden.

Ostrava war mir ein Begriff, wirtschaftlich und geographisch. Ich habe stolz erzählt, dass die erste Eisenbahn in Europa nach Ostrava fuhr. Das stimmt so natürlich nicht. Aber das Eisenbahnstück zwischen Floridsdorf und Deutsch-Wagram (beide nahe bei Wien) zählt als äteste Dampfeisenbahnstrecke außerhalb Englands. Und diese Strecke ist ein Stück der Kaiser Franz Ferdinands-Nordbahn, die letztlich bis Ostrava und auch noch weiter gegangen ist.
Die war mir im Begriff geblieben. Den Wikipedia-Eintrag habe ich mit großem Interesse gelesen. Jetzt war zwar Ostrava eine industriell bedeutsame Stadt und ist heute die drittgrößte in Tschechien. Doch etwas früher war Troppau (heute Opava) die Hauptstadt von Mährisch-Schlesien. Und dort kamen meine Großeltern väterlicherseits her. Opava ist mit dem Auto nur 20 Minuten von Ostrava entfernt. Wahrscheinlich komme ich ja noch einmal nach Ostrava und dann plane ich Opava ein.
„Fürchterliches Kleinkaff“ habe ich noch in den Ohren, wenn meine Vorfahren über Troppau sprachen. Aber so unbedeutend dürfte es nicht gewesen sein, wenn man über seine Geschichte nach liest.
Nun bleibt nur noch Bílovec, der Geburtsort meiner Oma mütterlicherseits, vom Opa weiß ich nicht, ob er auch dort geboren ist. Ich glaube, ich kann heute niemanden fragen. Natürlich habe ich nie etwas von Bílovec gehört, wie auch der Mädchenname meiner Oma „Klein“ hieß. Kennen Sie die Weihnachtsgeschichten von Karl Heinrich Waggerl? Ein bisschen schnulzig, nett zu lesen und meine erste Assoziation mit dem Herkunftsort von Oma und Opa. Bílovec hieß nämlich früher Wagstadt.
Ich muss zugegen, dass Wagstadt und der Geburtsort meiner Mutter in Christkindl, einem Ortsteil von Steyr in Oberösterreich, für mich etwas Weihnachtliches und Christliches enthielten. Waggerl kannte ich als Kind vornehmlich von Weihnachtsgeschichten und über Christkindl brauche ich nichts zu sagen. Dass Wagstadt als kleines kleines Dorf ebenfalls im Dunstkreis von Opava und Ostrava liegt, war mir bis vorgestern nicht nur unbekannt sondern auch einfach gleichgültig. Der Vertrieb der Deutschen aus der Tschechoslowakei 1945 aufgrund der Benes-Dekrete mag zwar angesichts der deutschen zwar verständlich sein, die Art, wie die Vertreibung statt gefunden hat, war genauso unmenschlich. Ich bin da empfindlich. Es gibt kein „ich darf“ weil Du es auch es „auch getan“ hast. (Und daher wollte ich mich mit den Orten auch nicht weiter befassen.)
Jedenfalls ist die positive Ausbeute der letzten dreieinhalb Tage die, dass ich etwas mehr über meine „Vorvergangenheit“ erfahren habe. Und das ist im Ende auch nicht so schlecht!


  1. ich sehe, sie haben eine bessere flusskarte gefunden;-)




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