Generation Facebook

Da gibt es eine Generation davor, die zur Zeit in Facebook beschrieben wird. Die ohne Handys oder MP3. Und diese Generation stellt vermutlich auch einen großen Teil der Facebook-Teilnehmer dar.
Ich habe meine eigene Version verfasst. Bei Facebook gehöre ich einer Minderheit an. Aber lesen Sie selbst:

Ich wurde in den 50er Jahren geboren, wuchs in den 60er Jahren auf. Wir sind die letzte Generation, die noch den Wert einer Banane kennt, die erste, die nicht den Hunger nach den Krieg kennen gelernt hat. Wir sind die Letzten, die noch Singles gekauft haben (45 rpm) und wir waren die ersten, die mit kleinen Transistorradios herumliefen, damit wir Musik auch am Strand hören konnten. Wir hatten in der Regel kein Fernsehen. In der Schule hörten wir voll Andacht denjenigen zu, deren Eltern eines hatten und die daher den letzten Maigret oder Wallace gesehen hatten. Telefon war nicht selbstverständlich. Dafür spielten wir im Park und in der noch unverbauten Wildnis mitten in der Stadt. Wir konnten uns nicht einmal vorstellen, dass es je etwas wie Handys, Flachbildschirme, iPods oder Facebook geben könnte. Die Utopie unserer Zukunft blieb in Perry Rhodan-Romanen versteckt. Doch unsere Kindheit war noch von Träumen getragen, was wir einmal werden würden. Wir hatten unsere Traumberufe, in denen wir auch Arbeit bekommen würden. Die Schule war noch etwas Besonderes und die Quelle aller Information, die nicht von den Eltern kam. Nur eine Information kam von den Gleichaltrigen. Denn wie ein Busen aussehen würde, konnte man allenfalls in National Geographic nachsehen.
Aber das Beste an unserer Jugend war, dass unser eigener Status nicht davon geprägt war, ob wir Markenschuhe oder das neueste Handy hatten. Coolness hatte noch eine andere Bedeutung, manchmal einfach die, wie gut einer Fußball spielen konnte.
Wir waren eine Generation, für die Ausländer willkommen waren. Wir konnten uns noch in das Schicksal der ungarischen Flüchtlinge 1956 hineindenken.
Und ich glaube, dass wir glücklicher waren, als es die heutige Generation ist.


  1. mac38

    ich glaube nicht, dass die nachkriegsgeneration glücklicher war.
    der sexuelle missbrauch innerhalb der familie war totgeschwiegen, aber weit verbreitet. scheidungen der eltern waren so gut wie unmöglich, weil frauen spätestens ab der mutterschaft finanziell völlig von ihren ehemännern abhängig waren. viele mädchen mussten sich damals anhören: warum willst du studieren, du heiratest sowieso.
    ganz abgesehen von der erziehung: prügel von eltern, lehrern, lehrherrn etc. waren gesellschaftlich akzeptiert und gehörten zu einer „guten“ erziehung. und das sind nur ein paar aspekte der damaligen zeit.
    und was haben die erwachsenen damals schon gesagt?
    „die heutige junge generation ist wirklich schlimm.“

  2. Vieles von dem, was Du schreibst, trifft auch auf mich zu; einiges dann nicht. Ich hatte nie einen „Traumberuf“ und wusste immer nur, was ich nicht werden wollte. Natürlich weiß ich, was Du meinst. Und ja, aus der Ferne scheint das auch alles so fast idyllisch. Das war es aber auch nicht, mindestens nicht immer. Es gab schon damals Peer-Groups auf den Schulhöfen, Rauchen gehörte zum „Status“ (mich ekelte der Qualm noch von meinen Eltern an) und wer keinen Klimmzug schaffte, war ein Schwächling. Jeans waren wichtig und ein Anhänger vom „richtigen“ Sänger oder der „richtigen“ Band zu sein, auch. Die „Coolness“ wurde geboren. Moden kamen und gingen (wie heute). Nur der Rhythmus der Phasen war länger und weniger hektisch.

    Ob man damals glücklicher war als die Jugend heute? Ich weiß es nicht, weil ich nicht weiß, wie sich die „Generation Facebook“ fühlt. Einerseits können sie Sachen genießen, von den wir noch nicht einmal zu Träumen gewagt hatten. Andererseits werden sie hineingeboren in eine Welt, die in immer kürzeren Intervallen in ihren Grundfesten erschüttert zu werden droht (und das ohne Krieg). Es gibt ein kitschiges Lied mit dem Titel „Ich möchte nochmal zwanzig sein“. Als ich 15 war, wollte ich das. Mit 30 schon nicht mehr. Inzwischen noch weniger. Aber vielleicht ist dieses Zukunftsraunen an sich schon ein Indiz für das Alter?

  3. die fähigkeit, die eigene generation zu verklären (vor allem die früheren jahre) eignet jeder generation. ich erinnere mich noch gut, wie vor einigen jahren die „wickie, slime und paiper“-welle lief und jeder scheißdreck aus den 70ern und 80ern auf einmal „kult“ wurde.

    ich bin sicher, dass man sich in 20 jahren mit der selben verklärung und hingabe an facebook, iPhone und twilight erinnern wird… dass das damals als „cool“ galt und gleichzeitig, in der rückschau staubig und lächerlich wirkt.

    dieser umgang mit früheren generationsgadgets und vergangenem (vor allem die tendenz (bzw. der versuch) sich mit den eigenen erinnerungen über die aktuelle generation zu erheben) hat sehr lange tradition, historische belege dafür gibt es einige. eventuell hat auch die entropie damit zu tun?

    ich könnte das sicher auch (das verklären), bremse mich aber da immer wieder ein, weil es mir fruchtlos erscheint. 😉

  4. gründlich missverstanden Daran bin ich selber schuld. Doch Personen, die auch auf facebook sind, sollten den folgenden Text kennen, den ich jetzt schon bei einigen Freunden zitiert gefunden habe:
    „Ich wurde in den 80er Jahren geboren, wuchs in den 90er Jahren auf. Wir sind die letzte Generation, die auf der Strasse gespielt hat, die Erste, die Video-Spiele gespielt hat und wird sind die Letzten, die Songs aus dem Radio auf Kassetten aufnahmen, wir sind die Pioniere der Walkman-Zeit. Wir haben gelernt, wie man den Videorekorder bedient, spielten mit C64, Super Nintendo, Sega und Game Boy. Wi…….r sind die Generation der Ninja Turtles, He-Man, Kickers. Wir lebten ohne Handy, fuhren mit drei Personen auf einem Fahrrad kilometerweit weil Mami uns nicht durch die Gegend chauffierte. Wir hatten keine 99 Fernsehsender, Flachbildschirme, MP3 iPod, Facebook oder Twitter … aber dennoch hatten wir eine tolle Zeit! Poste das in deinen Status wenn Du auch ein glückliches Kind der 80er bist..“ [Rechtschreibfehler und Interpunktionen wie im Original belassen]

    Meine Darstellung wollte ja gerade darauf hinweisen, dass diese Haltung jederzeit möglich ist. Und war daher auch ein bisschen ironisch gemeint. Leider hat das bis jetzt noch niemand so sehen können, was vielleicht auch ohne Kenntnis des oben zitierten Textes nicht möglich ist.

    Doch an einem möchte ich festhalten. Das betrifft den vorletzten Absatz. Meine Kritik richtet sich da gar nicht an die Jugendlichen sondern an die Erwachsenengeneration. Die heute beobachtete Fremdenfeindlichkeit kommt ja viel mehr aus den Erwachsenenkreisen als von den Jungen her. So will es mir zumindest scheinen. Und dieselbe war früher nicht so ausgeprägt.

    Was das Glücklichsein betrifft, sollten mich Leute eigentlich besser kennen. Das sich glücklich Fühlen ist ausschließlich von der eigenen Disposition abhängig. (Selbst unter den schwierigsten Umständen. Darüber habe ich schon einige Male geschrieben.)

    Ich selbst bin eben auch jetzt glücklich darüber, dass ich alle diese Zeiten seit 1951 erlebt habe. Manchmal wurden Träume wahr. Die Kunst besteht darin, die Ansprüche nicht stärker wachsen zu lassen als sie von einem selbst erfüllt werden können.
    Momentan bin ich ja ganz positiv überrascht, dass mein Traum nur 50.000 € kostet. Da brauch ich nur mehr ein paar Jahre arbeiten.

  5. Die Nostalgie der frühen Jahre war, so entnehme ich das den Erzählungen der Altvorderen, damals wie heute, obwohl´s die „Gute alte Zeit“ eigentlich nie gegeben hat.
    „Glücklich“ waren viele, weil was hast du schon für Vergleichsmöglichkeiten. Was wäre also Glück?

    Die mindere Fremdenfeindlichkeit der Sechzigerjahre zweifle ich an, weil „mir“ waren damals schon mir. Der Ungar wurde geduldet, mitleidig aufgenommen, so hab´s ich erlebt, mögen es andere Menschen es anders erlebt haben (mit jedem Kilometer abseits der Grenze ist wohl die Zustimmung etwas abgesunken).

    Erwachsenwerden war damals, wie heute, kein leichtes Ding, finden wir doch immer nur Vorgegebenes, um dieses infrage zu stellen.
    Heute sind´s Computer, Handy, überbordende Informationsgesellschaft, Zukunftsangst…, gepaart mit Hoffnung, gestern war´s halt was Anderes, ebenfalls vorne liegend.

    Dass damals der Busen das Non plus Ultra (also bei jünglichen Männern) gewesen ist, was heut ein bisserl antiquiert schein mag, Schamhaar gibts ja heut auch kaum mehr, na ja, der Leistungsdruck ist trotzdem ziemlich ähnlich geblieben.

    Alles in Allem, ich sag das jetzt nur von meiner Perspektive aus, geändert hat sich nicht viel.
    (Allerdings, wenn ein Pfarrer damals seinen Schwanz in deinen Arsch gebohrt hat, das war Tabu. Heut ist das ansatzweise ein wenig anders, und das macht mich hoffend.)

  6. „… dass wir glücklicher waren, als es die heutige Generation ist“ – bevor ich die nachfolgende Ironie-Erklärung gelesen hatte, wollte ich schreiben, dass Du das wohl selbst nicht glaubst – denn das hieße ja, dass Deine Kinder (oder meine) eine weniger glückliche Kindheit gehabt hätten, was ich eben nicht glaube.
    Trotzdem stimmt es, dass alles etwas hektischer ist, man ist ständig irgendwie erreichbar, wenn man sich nicht gerade bewusst ausklinkt, alle drei Minuten gibt es etwas neues Technisches, was noch besser und noch komplexer … usw. Lässt man das zu sehr an sich heran und setzt man sich da zu sehr einem Leistungsdruck, einem Ich-bin-immer-auf-dem-Laufenden-Druck aus, ist es kein Wunder, wenn es irgendwann mal zu einem Kurzschluss kommt. Und das Bild von Herrn Keuschnig, sich am liebsten ab und an in die Melancholie der Kindheit und Jugend fallen lassen zu können wie in ein frisch bezogenes Bett, finde ich sehr schön. Das würde ich auch manchmal gern. Hoch leben Internet und Handy und was weiß ich noch alles kommt, aber manchmal auch: zum Teufel damit (okay, wenigstens für eine Zeit …).

    PS: Was die Fremdenfeindlichkeit angeht, sind es nach meinen Beobachtungen auch eher ältere Leute, die sich abwehrend und auch abschätzig in Bezug auf Zuwanderer äußern. (Und das z. B. in meinem kleinen Dorf, wo es gar keine Ausländer gibt. Und das von sonst wirklich freundlichen Leuten. Ich kapier’s nicht.)

  7. Also ich finde (wie teilweise schon bei den anderen Kommentaren erwähnt), dass man deine Aussage auch auf andere Generationen übertragen kann. Zumal Glück ja immer im Auge des Betrachters liegt. Und wenn man an vergangene Tage oder die Kindheit denkt, dann erinnert man sich ja meistens eh nur an die positiven Dinge – so ist es jedenfalls bei mir.

  8. Öha! Da gab es doch noch vor kurzem einen netten falkinesischen Eintrag. Wohin hat sich denn der verschlürfelt?

  9. Fremd auf dem Land: damals und heute Lieber Steppenhund,

    wenn man an der Schwelle geboren wurde, fragt man sich unweigerlich, gehört man zur einen oder zur anderen Generation, weil man eigentlich die Merkmale beider in sich trägt. Dies gilt m.E. um so mehr, wenn man auf dem Land aufwuchs. Dort erreich[t]en einen [früher] viele [städtische] Entwicklungen erst mit einer Zeitverzögerung von ein, zwei und mehreren Jahren.

    Damals wie heute gibt es Fremdenfeindlichkeit.
    Nur hat sie heute eine andere Ausprägung.
    Ich erlebe, dass man heute in der Stadt fremdenfeindlicher ist als früher [in meinen Kindheitstagen] auf dem Land.

    Wenn ich an die eigene Waldheimat denke, hat sich im Gegensatz zu „früher“ – in der heimatlichen Grenzregion – vieles zum Positiven hin gebessert. Heute ist man Fremden gegenüber viel, viel aufgeschlossener. Wozu natürlich der Fall des Eisernen Vorhangs beitrug: In den 1950er/60er Jahren wohnte man dort im deutsch-tschechisch-österreichischen Grenzgebiet wahrlich etwas „hinter dem Mond“.
    Fremdenfeindlichkeit äußerte sich damals in einer Feindlichkeit gegenüber Flüchtling[skind[e]r[n] und ihren Familien. Die gehörten einfach nicht dazu. Und das ließen die Ur-Einwohner sie auch spüren.
    Es setzte sich in den den späten 1960er/1970er/bis Anfang der 1980er Jahren fort, als mit Grenzlandhilfe und Berlinhilfe viele [westdeutsche] „Preußen“ [als Investoren tät` man heute sagen] in die Region kamen und alte Bauernhöfe aufkauften, Fertighäuser hinstellten und die Immobilien- wie auch Mietpreise von Wohnungen nach oben trieben, weil sie überall [bei Bäcker, Metzger und im Supermarkt] verkündeten: „Ist hier alles billig!“ Die einheimischen Bajuwaren ließen sich das nicht zweimal sagen und schlugen natürlich die Preise auf.
    Diese Entwicklung gipfelte Mitte/Ende der 1970er Jahre in einer extremen Feinseligkeit den Berlin-„Preußen“ gegenüber: Ich kann mich an einen kleinen Ort in meiner Waldheimat erinnern, in dem regelmäßig die Ortsschilder mit dem Schriftzug „Klein-Berlin“ übermalt wurden. Heute lachen wir darüber. Damals war das bitterer Ernst [die Polizei ermittelte und die Berliner Jungs wurden regelmäßig „verklopft“].

    Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, zu Beginn der 1990er Jahre war es mir dann eine Freude zu sehen, wie – ohne Grenzland- und sonstige Förderhilfe [!!] – zusammenwuchs, was kulturhistorisch immer schon zusammen gehörte: Wie die Menschen diesseits wie jenseits der deutsch-tschechischen Grenze wieder zueinander fanden; Kleinunternehmer miteinander Kooperationen schlossen, gegenseitig Lehrlinge [ah, sorry Azubis] zu einander in mehrteilige Lehrwochen zur Ausbildung sandten. Die einen fuhren zum Friseur ins Tschechische, die anderen zur italienischen Eisdiele ins Deutsche. Und hie wie da begann man die Sprache des anderen zu erlernen.

    Summasummarum ist in den letzten zwei Jahrzehnten dort mehr an grenzüberschreitendem Miteinander entstanden als in vierzig Jahren staatlicher Förderung! DAS ist es, was mir Hoffnung und Freude macht: Lasst die Menschen einfach zu einander finden und miteinander ohne [staatliche] Vorgaben machen, dann entsteht viel Gemeinsames und Fremdenfeindlichkeit wird zum Fremdwort.

    Jedenfalls finde ich es sehr schön, wie Sie diesen Facebook-Eintrag eines anderen aufgriffen und hier abgewandelt eingestellt haben. Und wenn man die Kommentierungen hier nachverfolgt, ist es sehr interessant, zu lesen, welche Erfahrungen und Prägungen, v.a. welche Erinnerungen, doch ein jeder mit seinen eigenen Generationserinnerungen verbindet.
    Merci dafür, lieber Steppenhund 🙂




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