Liszt und Slobodyanik

Mein Zugang zu Liszt war kein leichter. Eröffnet hat mir diesen Alexander (Sascha) Slobodyanik. Über ihn findet sich ein sehr schöner Nachruf in den New York Times. In Wikipedia ist er zu finden, allerdings nicht unter den russischen oder ukrainischen Pianisten sondern nur unter seinem Namen. Den Namen habe ich immer wieder vergessen, obwohl er mir von Zeit zu Zeit einfiel und dann wieder entfiel.
Er war eigentlich nur Sascha. So wie der andere Sascha, der Alexander Satz. Ich habe ihn nur indirekt spielen gehört, aber ich habe zwei Tage mit ihm verbracht.
Zuerst bei Bösendorfer, wo ich ihn abholte und mit ihm zum Nierscher-Heurigen in Klosterneuburg fuhr. Dann ging es um Mitternacht in den 4. Bezirk, wo russische Emigranten wohnten. Einer hatte gerade Brot aus Russland mitgebracht. Es war eine Bombenstimmung. Ich kam damals um 5 Uhr früh nach Hause.
Den nächsten Tag machten wir Sightseeing-Tour, speisten und unterhielten uns. Er war damals ungefähr 47 Jahre alt. Die Zeit seiner größten Berühmtheit war vorbei, aber trotzdem wurde er gefeiert, wenn er in Wien beispielsweise ein Konzert gab.
Ich war daher recht unbefangen und fragte ihn über Prokofiev aus. Eigentlich hatte das Gespräch schon am Vorabend begonnen, denn er brachte mir am zweiten Tag eine Kassette mit einer Einspielung der 7. Sonate durch ihn mit. Die habe ich mir dann ein Jahr lang jeden Tag mehrere Male im Auto angehört.
Irgendwie kamen wir dann auf Liszt zu sprechen. Zuerst ging es nur um die Schwierigkeiten der h-moll-Sonate. Doch recht bald erklärte er mir, dass nicht die Technik im Vordergrund stehen würde. Liszt wäre ein tiefreligiöser Mann gewesen und den Zugang zu seiner Musik könne man nur finden, wenn man diesen Aspekt berücksichtigte.
Sascha war ja auch ein Schüler von Neuhaus gewesen, so wie der von mir verehrte Svatoslav Richter. Eigentlich war es schon unheimlich faszinierend für mich, so nahe an „den Großen“ zu sein. Ich gebe zu, dass ich bis zu diesen Gesprächen bei Liszt immer das virtuose Element im Vordergrund gesehen hatte, was mich ein wenig die Nase rümpfen ließ.
Seit den damaligen Unterredungen, bei denen wir lange in meinem 20-Jahre alten Mercedes saßen, (ein Traumauto) hatte ich einen anderen Zugang zu Liszt. Das Meditative öffnete sich mir und ich hatte den Eindruck als wäre eine Schicht abgefallen.
Ähnlich wie bei anderen Musikern hatte ich das Erlebnis, innerhalb kurzer Zeit eine sehr starke Beziehung aufzubauen. Ich muss damals wie ein Schwamm gewesen sein, der alles aufsaugte. Ich war immerhin schon vierzig und trotzdem noch neugierig wie nur irgendwas.
Heute habe ich nach Sascha gegoogled und war plötzlich erfolgreich, allerdings mit dem Wermutstropfen, dass er schon vor drei Jahren verstorben ist. Ich hätte gerne noch einmal Kontakt aufgenommen, aber da gäbe es auch noch viele andere. Ich weiß nicht, ob er sich noch erinnert hätte. Bei Satz war das etwas anderes. Da hielt die Verbindung bis kurz vor seinem Tod an. Aber der lebte schließlich in Graz und spielte oft in Wien.
Das ist der Link zu seinem Nachruf:
http://www.nytimes.com/2008/08/13/arts/music/13slobodyanik.html?_r=2&ref=obituaries&oref=slogin


  1. Liszt Zu Liszt habe ich (auch) noch keinen Zugang gefunden. Unlängst nach einem Vortrag mit anschließendem Konzert habe ich etwas gemutmaßt, warum das so sein könnte (der Vortragende vertrat die These, Liszt sei verkannt bzw. zu wenig bekannt – mir schien das teilweise auch aus einer persönlichen Neigung heraus zu kommen, aber es ist sicher etwas dran): Liszt war je einer, der es hervorragend verstand vorhandenes Material weiter zu verarbeiten (er hat ja zahlreiche Paraphrasen u.a. komponiert). Aber könnte es nicht vielleicht sein, dass er Probleme hatte eine eigene Stimme zu finden, wie das im Gegensatz viele „große Komponisten“ geschafft haben (das groß ist hier ein persönlich gefärbtes)? Auch seine Programmmusik spricht doch dafür – muss Musik, die sich sehr stark an Außermusikalisches bindet, nicht mit diesen außermusikalischen Strukturen (hier dem Text) veralten? Und bleibt sie nicht, wenn sie sich nicht eine innere musikalische Logik, eine Ebene des Verstehens bewahrt, dem der das Programm nicht mit liest oder im Detail (!) kennt verschlossen? Bis zu einem gewissen Grad macht es sich eine solche Musik nicht nur schwer, sondern sie gibt sich doch auch preis. Gute Programmmusik kann man in groben Zügen (inhaltlich) verstehen, wenn man nur den Titel kennt oder nicht einmal den – und musikalisch genießen sowieso. Liegt es vielleicht doch auch an Liszt selbst, bzw. dem was er komponiert hat – er ist ja zweifellos ein unbekannter Bekannter.

    Was sagt jemand der Liszt kennt dazu?




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