MILF oder Fussball

Über das Akronym MILF wurde vor wenigen Tagen noch gerätselt. Es ist keine Bildungslücke, wenn man als Frau noch nicht der Abkürzung von „Mothers I’d like to fuck“ begegnet ist. Sie hat ihre Bedeutung vor allem auf Pornoseiten, wo sie eine Kategorie von bestimmten Streifen bezeichnet.
Jetzt gibt es aber auch Fussball. Und der angeblich beste Fussballer Österreichs ist in die Schlagzeilen gekommen, weil er einen Kollegen mit „jebem ti mater“ beschimpft hat, was mit ungefähr „Ich ficke deine Mutter“ zu übersetzen ist.
Heute wurde ich in der U-Bahn-Station Zeuge eines ähnlichen Wortwechsels und ich fing zu grübeln an.

FICKEN war zu meiner Zeit ein absolut böses Wort. Ich habe es auch bis zum Alter von zirka 40 Jahren nie verwendet. Interessant war die Klassifizierung von bösen Worten im Englischen, die als Four-letter-words bezeichnet wurden. Dazu gehörte auch FUCK. „Fuck yourself“ ist eine der Phrasen, die man in nicht gerade freundlicher Gesinnungslage hervorstößt. Ich bin noch nicht ganz drauf gekommen, ob es anständiger zu sagen ist: „this bloody “ oder „this fucking „.
Im Deutschen wird manchmal entsprechend zu „Fuck you“, was grammatikalisch m.E. nicht ganz richtig ist, der Ausspruch „Fick dich ins Knie“ verwendet, der bei mir immer einen Nachdenkprozess auslöst. Was ist damit eigentlich gemeint?
Jetzt ist FICKEN mittlerweile ja salonfähig geworden. Man kann durch seine Verwendung durchaus auch literarische Preise ergattern. Das Wort bezeichnet eine an sich angenehme, erfreuliche und wie ich denke auch erstrebenswerte Handlung. Allerdings wird dieselbe etwas abgewertet, wenn es sich nur um einen Fick handelt, – weil eben das Wort ganz eindeutig mit einer negativen Konnotation belegt ist. Ich habe auch Interpretationen gehört, wonach Ficken etwas „Ehrliches“ an sich hat. So in der Art, dass ein bekanntes Freudenmädchen ein bisschen ehrlicher als ehrbare Damen ist, die sich in Wirklichkeit auch nur verkaufen, um den Schmuck dann auf den Opernball auszuführen.

Wenn ich das jetzt aber alles zusammenfasse, MUSS FICKEN etwas Schlimmes sein. Es kann doch nicht anders sein, wenn in den meisten Sprachen in Verbindung damit die ärgsten Beschimpfungen gebildet werden. (Auf russisch könnte ich das auch noch belegen.)
Und was sind wir für eine verkorkste Spezies, wenn wir das, was wir eigentlich am liebsten möchten, zu nichts Besserem verwenden als jemanden zu beschimpfen. Im Wienerischen gibt es da viel bessere Beschimpfungen. Bei Hirschbolds Sprachpolizei gab es einmal eine Abhandlung, wie man gut schimpft. Man nehme ein Hauptwort, möglichst unverfänglich und unschuldig, füge ein Attribut dazu, welches das Hauptwort als ungünstige Ausprägung erscheinen lässt, und bildet den Superlativ.
Also nehmen wir „Fernsehantenne“. – Unschuldig.
Die wird mit einem geeigneten Attribut zur Beschimpfung.
„(Sie) windschiefe Fernsehantenne“. – das ist schon böse, wenn man es zu jemandem sagt.
Und jetzt kommt der Superlativ. Er wird durch ein Postfix gebildet, nämlich durch das Wort „übereinand“.
„SIE WINDSCHIEFE FERNSEHANTENNE ÜBEREINAND!“ – Das muss das Gegenüber in den Grundfesten erschüttern und es vor Wut zerplatzen lassen.
Wie fantasielos ist dagegen: „Fick dich ins Knie“.

Vielleicht ist es auch nur unser Neid auf Menschen mit Tourette-Syndrom. Die dürfen alles sagen, weil es eine Krankheit ist. Und am liebsten würden wir sowieso schweinigln, wie Mozart es gemacht hat. Weil wir das aber nicht dürfen, heben wir es uns für die Augenblicke des gerechten Zorns auf.
„What a fucking posting this is!“


  1. … was mich daran erinnert, daß ich ja dieses Jahr weniger fluchen wollte, verfickte Sch… aber auch 😉

    MILF -> guckst Du „American Pie“ *hihi*… (dadurch dürfte es dann Einzug in den alltäglichen Sprachgebrauch erhalten haben)

  2. Mir wurde ‚fick dich ins Knie‘ auf polnisch, auch Fußballer (kann es nur lautmalerisch wiedergeben: Nije pirrdol) bekanntgemacht. Gottlob im angeregten Gespräch, und nicht als Straßenkommentar. ‚Ficken‘ ist mir bis heute ein nahezu unaussprechliches Wort zum Gebrauch geblieben, hier wirken die Altlasten aus restriktiven Ermahnungen Erwachsener zu Kinderzeiten. Es hat einen mechanischen, despektierlichen Beigeschmack, obschon es mir, im Vertrauen geflüstert, schon das Rechte war. Wie bei allem, wirken auch Obszönitäten zur richtigen Zeit Wunder. Bei ‚ficken‘ bestimmt vor allem die Tonlage die Musik.

  3. Ich denke, dass sind die Auswüchse jener sexualfeindlichen Moral, die sich aus und auf dem Humus eines durch „Rom“ pürierten Christentumes erwächst.

    => Das deutsche Wort »Schiff« stammt vom altnordischen „skop“, was »Schicksal« und auch »Genitalien« bedeutet. Das Schiff war ein Symbol der Göttin Frigga (Freya), deren Name zu „frigging“ (»ficken«) und „frigate“ (»Fregatte«) führte. (…)
    Zitat Quelle

    …die heidnischen, fruchtbaren Gottheiten, sowie die zu ihren Ehren abgehaltenen, die Fruchtbarkeit huldigenden Rituale wurden verdammt und Sexualität auf einen rein funktionellen, indes durchaus schmutzigen und teuflischen Akt reduziert. Mit den Urururenkeln dieser Gedanken plagen wir uns heutzutage. Qed.

    im ureigentlichsten Sinne würde also „ficken“ einen wundervollen und göttlichen Akt umschreiben. Nur, dass keiner mehr draufkommt. Wie auch, die meisten sind sich der durch sie zelebrierten Rituale ja eh nicht bewußt. Stichwort Ostern.

    Im Vorbeipflug beschwingt dahingeplappert
    und nen schönen Gruß hinterlassend:
    die Falkin

  4. Ich halt mich da an Brecht:

    Das dreizehnte Sonett

    Das Wort, das du mir oft schon vorgehalten
    Kommt aus dem Florentinischen, allwo
    Die Scham des Weibes Fica heißt. Sie schalten
    Den großen Dante schon deswegen roh
    Weil er das Wort verwandte im Gedichte.
    Er wurd beschimpft darum, wie ich heute las
    Wie einst der Paris wegen Helenas
    (Der aber hatte mehr von der Geschichte!)

    Jedoch du siehst jetzt, selbst der düstere Dante
    Verwickelte sich in den Streit, der tobt
    Um dieses Ding, das man doch sonst nur lobt.
    Wir wissen’s nicht nur aus dem Machiavelle:
    Schon oft, im Leben wie im Buch entbrannte
    Der Streit um die mit Recht berühmte Stelle.

  5. Hier kann man noch was lernen! :-))




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