To fall in love

Der leider nicht mehr hier schreibende Dr. Schein hat mich durch seine wiederholten Zitate von Slavoj Žižek auf denselben aufmerksam gemacht.
Heute findet sich im der Standard ein interessanter Artikel über ihn und einige seiner heutigen Statements. Ich habe den ganzen Artikel sehr genossen und möchte hier meinen Lieblingsabsatz zitieren:

Žižek: …
So kommen wir auch zum Rätsel des Cybersex. Der hat immer mehr eine masturbatorische Struktur in dem Sinn, dass man nicht nur keinen wirklichen Partner hat – er beeinflusst auch unseren wirklichen Sex mit wirklichen Partnern. Man braucht diese immer weniger, wenn man seine Fantasien ausleben will.
Fällt Ihnen nicht etwas auf, wenn Sie sich das Tiefste der gegenwärtigen Populärkultur ansehen?
STANDARD: Was meinen Sie konkret?
Žižek: Ich meine zum Beispiel den neuesten James-Bond-Film, „A Quantum of Solace“ („Ein Quantum Trost“). Früher war es üblich, dass Bond in der letzten Szene zum Sex übergeht. In diesem Film nicht. Oder nehmen Sie Romane von Dan Brown, „Angels and Demons“ („Illuminati“) oder andere. Da gibt es Paare, aber sie haben auch keinen Sex. Etwas sehr Merkwürdiges passiert hier, mein Freund Alain Badiou (französischer Philosoph und Schriftsteller, Anm.) hat es wunderbar ausgedrückt, aber es funktioniert auf Französisch und Englisch besser als auf Deutsch. Er verweist auf den Ausdruck „falling in love“ bzw. „tomber en amour“. Hier ist das Moment des Risikos, des Fallens enthalten.
Nun gibt es amerikanische Dating- und Heiratsagenturen, die mit dem Argument werben, dass das viel zu riskant sei: „Who can afford today to fall, even in love? We enable you to find yourself in love without the fall!“ Also Liebe, ohne einen Sturz zu riskieren. In Wirklichkeit also ohne eine traumatische Begegnung mit dem anderen.

Es geht nicht mehr um die alte patriarchalische Ideologie, die auf Liebe und Treue insistiert, sondern fast um das Gegenteil. Liebe wird zum Problem. Die Ideologie sagt uns heute auf diese buddhistische Art: Engagiere dich nicht zu sehr, halte Abstand, hänge an nichts und niemandem. Ein One-Night-Stand ist okay, aber kein Sturz, keine dramatische Begegnung, die dein Leben verändert.
[Hervorhebungen von mir]
Wenn man den Fall und die tiefen Enttäuschungen vermeiden will, reduziert man zwangsläufig auch das mögliche Glücksempfinden.

Für mich ist das nicht so erschreckend, weil ich oft genug verliebt war, bevor es das Internet gab. Ich muss mich aber fragen, wie ich heute mit dem Thema umgehen würde.
der ganze Artikel findet sich hier.


  1. Hoch interessanter… Beitrag! Was ich so von den Dating-Erfahrungen meiner jüngeren Bekannten mitbekomme, bestätigt Zizek eigentlich. Die Leute gehen die Partnersuche heute sehr zielbewusst an: Die Auswahl ist riesig – das legt nahe, dass der perfekte Partner irgendwo da draussen auf einen wartet – und dass das Internet ihn schon finden wird. Sobald dann ein neu bedatetes Gegenüber die Anforderungen nicht erfüllt, lässt man es fallen. Oder wird fallen gelassen – und das alles geht in einem so riesigen Tempo vor sich, so dass die psychische Reifung, die durch diese Spielchen früher stattfand, heute gar nicht mehr möglich ist. Man hastet einfach weiter auf der Suche nach dem Ideal. Ich muss sagen: Manchmal bin ich dem Herrgott dankbar, dass ich nicht mehr jung bin!

  2. @Falkin Halluziniere ich, oder wie?
    Da stand doch irgendwann ein Kommentar, den ich nicht beantworten konnte, weil es mir am Handy einfach zu aufwändig ist.
    Oder hat das Lesen des gesamten Artikels die geäußerten Gedanken wieder umgedreht.
    Mein Gedächtnis ist nicht mehr so gut, dass ich mir einen Kommentar über einen ganzen Tag merke. Vor allem dann nicht, wenn am Nebentisch im Zug einer den anderen drei Doppelkopf zu erklären versucht…

  3. Falling in Love, ich dachte, dieser Begriff kommt davon, dass selbst errichtete Mauern fallen, wenn wir verliebt oder liebend sind.

    Ich beobachte, das Internet funktioniert multiplizierend und beschleunigend, für das was latent vorhanden ist. Man könnte es auch Deutlichmacher nennen, weil hier etwas schneller an die Oberfläche kommt, als vielleicht in der „Langsamkeit“ des realen Lebens.

    Wer sich außerhalb der virtuellen Welten grundsätzlich für beispielsweise das Wesen eines Menschen interessiert, wird es auch in seinem Internet-Verhalten gleichtun. Wer im Alltag mit der Nachbarschaft schnell mal die verbalen Messer wetzt, wird im Cyberraum nicht viel anders sein.

    Liebe, ohne Sturz oder dramatischen Begegungen, scheint mir kein neues Phänomen zu sein, das mit der Cyberwelt verbunden ist. Sind nicht die Beziehungen und Ehen innerhalb von Standesgrenzen, der Liebe ohne Sturz gleich? Bloß nichts an Beziehung riskieren, das eine gesellschaftlichen Ächtung nach sich zieht oder den Rahmen der sozialen Rollenbilder sprengt.




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