Unglaublich

… wie die Zeit vergeht. Ich gehöre ja auch schon zu denen, deren erstmalige Blogtätigkeit mehr als zehn Jahre zurück liegt. Um die ersten Einträge zu lesen, müsste ich erst einen ziemlich alten Computer in Betrieb nehmen.
Ich weiß, dass ich damals anders geschrieben habe. Mit romantischer Grundeinstellung, manchmal ironisch. Auch haben mich die Blogeinträge anderer SchreiberInnen ganz anders berührt.
In den zehn Jahren hat sich bei mir sehr vieles verändert.
Mein Leben ist erfolgreich geworden – was die Darstellung nach außen angeht. Damals war ich noch durch Bankrückzahlungen geknechtet, von libidinösen Begehrlichkeiten in meiner Freiheit eingeschränkt und beruflich frustriert, weil meine Ideen nicht entsprechend umgesetzt wurden.
Alles hat sich verändert. Die Ideen wurden letztlich, auch nach meinem Weggang, noch durchgesetzt. Ich kann stolz sein, dass 2009 das zum Laufen kam, was andere Firmen heute noch nicht können.
Die Begehrlichkeiten haben sich nach meiner Operation reduziert, wobei es nicht um das körperliche Begehren geht. Ich habe nachgedacht und festgestellt, wie froh ich sein kann, wie sich meine diesbezügliche Situation heute darstellt. (Und gestorben bin ich ja auch nicht.) Die finanzielle Freiheit kann ich noch gar nicht so genießen, weil ich mittlerweile keine teuren Wünsche mehr habe.
Ich habe allerdings meine gedankliche Unschuld verloren. Ich merke das beim Lesen. Obwohl ich froh sein müsste, wie gut einige formulieren können, lese ich viel zu viel zwischen den Zeilen. Ich kategorisiere und da fällt vieles, was als originell einzustufen gewünscht wird, in die Sammelbecken der typischen Beiträge. Einge der „großen“ Blogger und Bloggerinnen gehen mir ab. Sie spendeten Anregungen, die mir das Verteidigen der Bloggerei leicht machten. Einige Blogkollegen sind originell, doch auch bei ihnen kann ich den Verlauf der zehn Jahre feststellen. Das Binnen-I habe ich hier ganz bewusst weggelassen. Die von mir geschätzten Bloggerinnen schreiben nur mehr in Monatsabständen wenn überhaupt.
Ich bin unduldsam geworden. Kritisch, zynisch und sarkastisch. Dass man mich als unterkühlt angesehen hat, muss ich als freundliches Kompliment werten.
Und doch gibt es Ziele und Ideen, die hinter der Zeit meines aktiven Arbeitslebens angesiedelt sind. Und sie greifen bereits jetzt in meine Gedankenwelt hinein.
Ich werde nicht mehr in Leipzig unterrichten. Ich werde es vermutlich noch in Serbien tun und möglicherweise genauso frustriert sein, wenn ich feststelle, dass junge Studenten kein Bewusstsein mehr für Sprache und Semantik haben.
Das Frau-Mann-Verhältnis ist, wenn ich von meiner eigenen Frau absehe, getrübt. Ich beobachte wohlwollend Langzeitbeziehungen, ob mit Problemen oder ohne Probleme. Die Kurzzeitschwierigkeiten zwischen Frau und Mann werden nur mehr unter das Kapitel Dummheit eingereiht.
Die wirklichen Probleme, bei denen die Frau zum Handkuss kommt, kann man bei Brigitte Schweiger nachlesen. „Wie kommt das Salz ins Meer“ Ihr Leben ist auch nicht mehr einfacher geworden danach, ihr bezieht sich auf die Autorin. Und wenn ich so die Essays in den Zeitungen lese, kann ich nur bei Anneliese Rohrer Vernunft erkennen. Hamann geht auch. Sonst stelle ich nur mehr Frustration und Wehklagen fest.
Es gibt Frauen, die bewundernswert sind. Eine davon habe ich nie persönlich kennen gelernt, obwohl das meine Studienkollegen taten. Die Tochter des Mechanik-Professors, Ingeborg Hochmair-Desoyer. Sie galt als gescheit und attraktiv, was man ihr heute einerseits noch mit ihren 61 Jahren ansehen kann und andererseits an ihrer Erfolgsstatistik ablesen kann. Vier Kinder mit einem Hochschulprofessor, geschäftsführende Gesellschafterin, die Frau, die Taube hören lässt.
Der Gedanke an solche Personen lässt mich beruhigt zurücklehnen. Das Leben geht weiter.
Und ich muss nichts mehr beweisen.


  1. Sunnilein

    Vor drei Jahren, als ich aus persönlichem Umstand heraus eine zeitweise Ablenkung suchte, traf ich auf die vielfältige Bloggergemeinde. Lesen, lesen und wundern über die Vielfältigkeit waren meine Begleiter. Von den ehemals ca. 30 Verfassern lese ich heute und bei genügend Zeit statt Pflege (und das ist kein Jammern!) noch 3. So ändern sich die Zeiten und man sich selbst. Ich schreibe lieber, auch das nicht mehr so häufig, aber wenn, dann mit großer Lust. Tempora mutantur nos et mutamus in illis….




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