Was ich in Moskau lernte

Ich habe diese Geschichte schon einige Male geschrieben. Frühere Niederschriften fielen Computer-Abstürzen zum Opfer, nie gab es einen Abdruck, doch die Geschichte blieb.

Wir schreiben das Jahr 1986. Ich hatte gerade die Firma gewechselt und dabei einen interessanten Imagewechsel erfahren. Während ich früher als sehr ausgeflippter, aber leistungsstarker Entwickler angesehen wurde, hatte ich jetzt einen Verkaufsjob inne, bei dem meine neuen Kollegen dachten, daß ich technisch sehr gut wäre, aber vom Verkauf – speziell was die Produkte unserer Firma anging – wenig Erfahrung hätte. Ich hatte eigentlich weder technische noch kaufmännische Erfahrung, denn die Investitionsgüter, die ich jetzt verkaufen sollte, waren Mikroskope. Meine technischen Schwerpunkte waren aber Elektronik und Software. Verkaufen konnte ich eigentlich auch nicht, allerdings hatte ich Verkäufern zugesehen und mich manchmal gewundert, mit welch untauglichen Mitteln sie versucht hatten, etwas Umsatz zu machen. Ich war mir sicher, daß ich das genausogut oder sogar besser machen könnte.
Ich war damals 35 Jahre alt und noch sehr ungeduldig, wenn es darum ging, schnell Resultate zu erreichen. Insoferne war mein damaliger Arbeitsplatz ungeeignet, denn der Verkauf einer Anlage zog sich in der UdSSR – meinem Verkaufsgebiet – in der Regel über ein Jahr hin. Formalismen, Außenhandelsorganisationen, Geldbeschaffungsschwierigkeiten und anonymisierte Anfragen, die technisch schwer zu spezifizieren waren, sorgten für die entsprechende Verzögerung.
Mein Chef lachte mich also aus, als ich ihm von einem Telefonat erzählte, in dem ein Anfrage zur schnellsten Lieferung, möglichst innerhalb eines Monats, gestellt wurde und ich diensteifrigst erfragte, wie wir denn das überhaupt bewerkstelligen sollten. Ich galt als blauäugiger Anfänger, der jeden Unfug glauben würde.
Umso begieriger war ich zu beweisen, daß ich den Auftrag tatsächlich zustande bringen würde. Es ging um die runde Summe von 100 000 US$.
An dem Tag, an dem das fragliche Telefonat sich zutrug, war das Wetter schön. Von meinem Fenster konnte ich auf den Rooseveltplatz hinuntersehen und auf die Studenten, die auf der Wiese lagen. Zwischen der Wiese und dem Telefonat bestand ein Zusammenhang. Einen Monat früher, am 26. April, war ein Reaktorblock in der Ukraine defekt geworden und durch die Windverhältnisse hatten auch wir in Österreich unser Quentchen Radioaktivität abbekommen. Beim Betrachten der Studenten erinnerte ich mich an meine Wut über die Inkompetenz der österreichischen Behörden, die es nicht zustande gebracht hatten, den Leuten nahe zubringen, in den Tagen nach dem 26., insbesondere am ersten Mai, der ja Feiertag war, die Kinder nicht im Freien spielen zu lassen. Auch wenn die Radioaktivität nicht unmittelbar lebensgefährlich war, waren zu den damaligen Tagen alle Grenzwerte überschritten und es wäre besser gewesen, die Kinder im Haus zu lassen. Die politische Behandlung von Tschernobyl, insbesondere die Stellungnahmen der WHO, können mich auch heute noch aufregen, aber das ist eine andere Geschichte.
Der Zusammenhang zwischen den Studenten auf der Wiese und dem Telefonat war also folgender. Während man bei uns bereits wieder zur Tagesordnung zurückgehen konnte, waren die Kliniken in Moskau mit Patienten überfüllt, die zum Teil Todeskandidaten waren, aber zumindest schwerst radioaktiv geschädigt waren. Eine gemeinnützige holländische Hilfsorganisation hatte also 100 000 US$ aufgetrieben, um ein entsprechendes Diagnosegerät der Onkologie Moskau zu schenken.
Bis dat qui celer dat. Doppelt gibt, wer schnell gibt. Das sollte auch hier zutreffen, aber es gab zwei Hürden zu nehmen. Erstens gab es die russischen Abwicklungsmechanismen, die noch immer eine wesentliche Verzögerung bedeuten würden, und zweitens war das Geld eigentlich zu wenig für die Anlage, die eigentlich erwünscht und sinnvoll gewesen wäre.
Die Anlage sollte der analytischen Untersuchung und der Diagnose dienen und bestand aus einem Mikroskop und einer vollautomatischen Bildanalyseeinrichtung. Mit vielen Verhandlungen und einem technisch trickreichen Zusammenstreichen, von allem, was nicht unbedingt jeden Tag notwendig wäre, gelang es mir, eine Spezifikation zu erreichen, mit der ich den gewünschten Preis anbieten konnte. Eine der Reduktionen war auch die Verwendung eines wesentlich kleineren Mikroskopes als es normalerweise für Bildanalysen zur Anwendung kommt.Der Auftrag wurde in sechs Monaten abgewickelt, was ich als großen Erfolg ansah. Mein Chef verkniff sich jede weitere Stellungnahme. Als ich erfuhr, daß die Anlage in Moskau auslieferungsbereit war, fuhr ich hin, um die Installation vorzunehmen.
Während der Reise waren auch noch andere Arbeiten zu erledigen, die ich als eher unangenehm empfand. Ich freute mich schon darauf, die Bildanalyse zu installieren und den Leuten zu zeigen, daß sie damit wirklich etwas ausrichten könnten. Es war Winter in Moskau und ich ließ mich von einem Taxi nach Sokolniki-Park kutschieren. In der Nähe befand sich die Onkologie Moskau. Mir fällt der Chef der Institution nicht ein, es war der aber recht bekannte Professor, der im Westen immer als Ansprechperson für gesundheitliche Fragen im Zusammenhang mit Tschernobyl kontaktiert wurde.
Mit ihm hatte ich nicht zu tun. Ich wurde vielmehr von einer Ärztin in Empfang genommen, die ich auf ungefähr vierzig Jahre schätzte. Sie gefiel mir. Ich stellte etwas betroffen fest, wie überarbeitet sie wirkte. Sie war recht wißbegierig, was sie mit der neuen Anlage erreichen würden können, und ich vertröstete sie auf den Augenblick, wenn alles aufgestellt wäre und funktionieren würde. Ich packte also das Mikroskop aus, justierte es grob, dann kam die Bildanalyse an die Reihe. Es war für mich sehr beruhigend, als ich sehen konnte, daß es keine Transportschäden gab und alles ordnungsgemäß funktionieren würde.
Ich setzte mich also vor das Mikroskop und stellte die letzten Feinabstimmungen ein. Dabei verwendete ich ein Präparat von meinen eigenen Verkaufspräparaten, die hervorragend präpariert waren und deutlich die Leistungsfähigkeit des Mikroskopes unter Beweis stellen konnten. Allerdings hatte ich auch schon früher immer versucht, die Kunden dazu zu bringen, ihr eigenes Präparat bei der ersten Durchsicht sehen zu können, weil der Aha-Effekt ein viel stärkerer ist.
Ich ersuchte die Ärztin daher, mir ein Präparat zu geben, damit sie die Möglichkeit habe, sich selbst ein Bild zu machen. Ich sah kurz auf das Präparat, fokussierte nach und überließ ihr den Platz am Binocular.
Aufgrund meiner früheren Tätigkeiten, ich entwickelte unter anderem auch Programme, mit denen Blutzellen analysiert werden konnten, hatte ich gesehen, daß das betreffende Präparat „nicht sehr gesund“ aussah.
Ich war aber sehr überrascht, als sie ganz lange mit ihren Augen am Binokular verblieb. Als sie aufblickte, hatte sie Tränen in den Augen.
Mein spontaner Gedanke war: das ist jemand, den sie kennt.
„Kennen Sie die Person, von der das Präparat stammt?“
Die Ärztin lächelte müde. „Es ist ein Patient von uns. Er ist schon von uns ‚weggegangen‘. (Usche uschol.) Aber ich kenne ihn nicht.“ Ich schaute sie fragend an.
„Ich weine, weil ich zum ersten Mal im Mikroskop etwas sehe, was wir sonst nur in den Büchern sehen. Es ist unglaublich, daß man diese Strukturen wirklich sehen kann. Mit unseren anderen Mikroskopen können wir das nicht sehen.“ Sie zeigte auf die zahlreichen Lomo-Untersuchungsmikroskope. Lomo war damals eine Mikroskopfabrik aus Leningrad, die Mikroskope zwar sehr engagiert zusammenbaute, aber nicht über die notwendigen Materialien verfügte, die für höchstauflösende Mikroskope notwendig sind. Sie verfügten auch nicht über die notwendigen Computerkapazitäten, um die technischen Daten für Spitzenobjektive zu berechnen.
„Was könnten wir leisten, wenn wir mit solchen Geräten arbeiten könnten.“
Ich wußte, daß ich das falsche geliefert hatte. Auch wenn das der Wunsch der Hilfsorganisation gewesen war und ich es nicht vorher wissen konnte.
Aber jetzt wußte ich es. Zehn Mikroskope und Null Bildanalyse hätten mehr Gutes getan als ein Mikroskop, welches vermutlich nur für Forschungszwecke eingesetzt werden würde.
Ich versuchte ihr zu zeigen, wie sie mit der Bildanalyse umgehen müßte. Sie begriff recht schnell und ich wußte, daß ich dort nicht mehr hinkommen würde. Sie würden sich alles selber machen können. Ich wußte aber auch, daß sie selbst wahrscheinlich mehr mit dem Mikroskop allein arbeiten würde als es aus „nur“ Bildgeber für die Bildanalyse zu verwenden.
Meine Freude über den Auftrag, über die rasche Abwicklung, über die klaglose Installation war dahin. Bis dahin hatte ich den Computer immer gegen ältere Kollegen verteidigt, die die Sinnhaftigkeit eines Computers in dem Arbeitsbereich in Frage stellen wollten. Meine technische Unschuld war dahin: nicht das Machbare ist wichtig sondern das Brauchbare!
Ich verließt das Institut zu Mittag. Der Himmel kam mir trüber vor, der Schnee auf der Strasse grauer. Ich war froh, daß ich keinen Kollegen würde sehen müssen.

Epilog: jedes Mal, wenn ich im Supermarkt Flaschen zurückgebe, sehe ich die Rückgabemaschinen mit eingebauter Bildanalyse und schneller und sicherer Flaschenerkennung. Diese Maschine sind vielleicht hundermal leistungsstärker als die Krebserkennungsanalyse anno 1986. Und sie sind sicher billiger.
Das kleine Mikroskop zählt auch heute noch nach 18 Jahren zu den Spitzengeräten des Unternehmens und der ganzen Mikroskopbranche.
Ich verkaufe keine Mikroskope mehr. Und auch keine Bildanalysatoren.




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