Über Franz Schubert

[Ich bin vor wenigen Tagen aus Belgrad zurückgekommen und hatte erfahren, dass mein neues Bett im Anrollen ist. Deswegen musste ich ein paar Bücher umräumen.
Dabei habe ich so einiges entdeckt, darunter ein Schreiben, welches ich vor 20 Jahren an eine Japanerin geschickt habe, die mich mit entsprechenden Fragen angeschrieben hat. Ich erinnere mich, dass sie sich nachträglich noch sehr bedankt hat. Ich habe aber kurz darauf Bösendorfer schweren Herzens verlassen und habe sie daher nicht mehr in Japan treffen können.

Das Schreiben habe ich jetzt abgetippt, weil mir beim Lesen aufgefallen ist, dass ich heute zwar einiges stilistisch besser und nicht so pampig formulieren würde, doch im Grunde sehe ich inhaltlich keinen Grund zur Veränderung. Vielleicht ist es daher für die Musikliebhaber von Interesse.]

Liebes Frl. S.,

Vielen Dank für Ihren Brief mit den netten BIldern, der mich heute erreicht hat. Der Brief hat mich sofort an Osaka erinnert. Soche Abende, wie ich sie in Ihrer Gesellschaft in Nishinomya zusammen mit Machiko-San und Moriysama-Sensei erlebt habe, wirken auch in der Erinnerung noch als Erholung und können nicht müde machen.

Ihre Gedanken über das Spielen von Schubert und dessen Schwierigkeiten haben mir sehr gut gefallen. Es kommt auch in Europa häufig vor, daß unter den professionellen Pianisten zwar viel Beethoven, Mozart, Bach, Schumann und wie sie alle heißen, geübt und eingespielt wird. Fragt man aber nach Schubert, erntet man oft eine gewisse Verlegenheit und manchmal sogar die Antwort: „das ist mir zu schwer.“ Schubert gilt auch unter solchen Leuten, welche ohne weitere Schwierigkeiten ein Rachmaninoff-Prelude herunterspulen können, als schwierig zu spielen.

Auf der anderen Seite haben Pianisten wie Alfred Brendel und Andras Schiff viel dazu beigetragen, Schubert salonfähig zu machen. Das Festival „Schubertiade Hohenems“, welches ebenfalls seinen Werken gewidmet ist, hat auch unter ehemaligen Schubert-Nichtkennern viel zu Begeisterung an Schubertmusik beigetragen.

Gerade gestern habe ich im Radio eine Übertragung dieses Festivals gehört, bei dem Andras Schiff die letzte c-moll-Sonate gespielt hat. Wenn ich zurückdenke, meine ich, daß das hauptsächliche Gefühl, welches ich beim Zuhören hatte, eine unheimliche Stimmung war. (Unheimlich im Sinne von „leichtes Grauen“.)

Das bringt mich dazu, Ihnen ein bißchen von meiner Schubertauffassung zu verraten, die zwar objektiv falsch sein kann, die mir aber den Zugang zur Musik, auch zum Spielen ermöglicht.

Unabhängig von der technischen Anforderung, die bei Schubert sehr groß ist, weil der Klavierpart nicht für die HAnd sonder für die Ohren geschrieben ist, ist die musikalische Anforderung meines Erachtens doch die weitaus größere.
Erstens ist es sehr schwierig, bei den längeren Werken die Übersicht und damit die Linie zu bewahren. Obwohl man aber das ganze Werk im Kopf haben muß, darf man während des Spielens nicht ans Ende denken, denn sonst sind speziell die Sonaten unendlich lange und die Musik schleppt sich nur mühsam hin. Ich glaube, daß man dann den Zugang gefunden hat, wenn man eine Sonate oder zumindest einen Satz durchspielt und überrascht feststellt: „halt, es ist ja schon aus!“

Da diese Musik von der Melodie und dem immer wiederkehrenden liedhaften Momenten lebt, ist es natürlich leicht, zu meinen, man muß bloß die Melodie recht fein herausarbeiten und Rest kommt von selber. Die Stimmung, welche von der Begleitung beeinflußt wird, ist fast noch wichtiger, denn oft ist gerade der Stimmungswechsel, der an manchen Stellen schlagartig eintritt, das dramatische Element.
Auf alle Fälle muß sich aber beim Spielen, wenn man sich freien Spielraum gönnt, auch schon bei wenigen Takten eine Empfindung einstellen können. Währen des technischen Übens muß man sie wahrscheinlich unterdrücken, aber man muß die Probe machen, ob sich die Empfindung überhaupt einstellen kann. Und wichtig ist, daß das an jeder Stelle gelingt. Es reicht nicht, wenn man sagt, diese Stelle gefällt mir nicht so sehr, dafür aber 4 Takte später ist es wunderbar.

Ich möchte Ihnen noch eine Empfehlung geben: studieren Sie das Leben von Schubert und lesen Sie auch über seinen gesellschaftlichen Umgang mit seinen Freunden. Dadurch, daß Sie in Wien waren, haben Sie sowieso einen leichteren Zugang zu der Ideenwelt und zu dem Lebensgefühl in der Umgebung Wiens, die heute an einigen Plätzen noch unverändert aufzufinden ist.

Daß ich den Bösendorfer für die Interpretation von Schubert für unerläßlich halte, ist wohl leicht verständlich. Ich hatte diese Meinung aber auch schon, bevor ich bei Bösendorfer gearbeitet habe. Es hängt mit den Stimmungen (Gefühlen) zusammen, von denen einige mit dem Bösendorfer noch viel unmittelbarer als mit dem Steinway oder anderen ausgedrückt werden können.

Ich hoffe, daß ich IHnen mit meinen „musiktheoretischen“ Ausführungen (die ich rein als Privatmann von Schubertliebhaber zu Schubertliebhaber äußere) ein paar Anregungen gegeben habe und wünsche Ihnen bei Ihrem weiteren Entdecken viel Freude.

Ihr Brief ist übrigens in einem hervorragenden Deutsch geschrieben, dadurch habe ich mir erlaubt, auch Ihnen in komplizierten Sätzen zu schreiben, da man in der deutschen Sprache, ja auch im Satzbau viel ausdrücken kann.

Ich freue mich schon auf unser nächstes Wiedersehen, ob in Osaka oder in Wien und verbleibe mit herlichsten Grüßen

Ihr

Die referenzierte Sonate, unter deren Eindruck ich stand, als ich den Brief schrieb.


  1. Wunderbar, herzlichen Dank.




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