Anam Ċara

Es sind jetzt schon zehn Jahre her, dass ich diese Zeilen geschrieben habe. Beim Aufräumen in einem alten Computer sind sie mir wieder entgegengefallen. Im Allgemeinen haben sich die Erfahrungen der letzten zehn Jahre durchaus in Veränderungen meiner Weltanschauung niedergeschlagen. Aber diese Zeilen könnte ich heute vermutlich noch immer unterschreiben. Besonders erstaunlich war für mich, dass ich die Kategorie „Leben“ speziell erwähnt hatte. Leben spielt vermag heute eine wesentlich stärke Sinngebung zu vermitteln, als ich es damals empfand. Erst vor zwei Jahren habe ich zum „ersten“ Mal recht knapp formuliert, dass der Sinn des Lebens einfach das Leben selbst ist.

Ich schreibe diese Zeilen ohne mir einen bestimmten Adressaten oder Adressantin als Empfänger vorzustellen. Die Begriffe Kelten, Wesen(serkenntnis) und Esoterik sind an sich so stark miteinander verknüpft, dass sie wie ein Anker als gemeinsame Einheit für eine Rückbesinnung oder Standortsbestimmung dienen können.
Technikern wird in der Regel eine Ablehnung von esoterischem Gedankengut zugeschrieben, die nur in einer Ausnahme verletzt werden darf. Ein Techniker darf auch musikalisch sein, denn das sind ja so viele, die sowohl mathematisch als auch musikalisch begabt sind. Was für eine seltsame Besonderheit. Ich habe inzwischen die Bestätigung durch meinen hochintelligenten Chef bekommen, dass auch er schwierige, zum Teil logische Probleme mit dem Unterbewusstsein durch bewusstes Abschalten löst. Das bedeutet, dass sich Logik und Emotionalität sich nicht ausschließen, die Weiterverfolgung dieses Themas führt uns aber auf eine ganz andere Fährte.
Interessanter ist da schon die Verfolgung des religiösen, des philosophischen oder des transzendenten Interesses von Technikern. Ohne speziell danach zu suchen stelle ich bei den Frauen Anhäufungen von emanzipierten, bestens ausgebildeten, ausgesprochenen Agnostikerinnen fest, wo ich kopfschüttelnd nur fragen kann, wie eine Medizinerin eine göttliche Instanz – egal in welcher Ausprägung – leugnen kann, während ich bei gestandenen Programmierern Buddhisten, Taoisten und verschiedene andere Geschmacksrichtungen von esoterischem Interesse finden kann.
Einsteins Widerlegung der Quantentheorie „Gott würfelt nicht“ ist bekannter als der Umstand, dass viele Physiker und Naturwissenschafter sehr wohl die Grenzen des rational Erfassbaren kennen. Wohin richtet sich dann aber das transzendentale Bedürfnis? Ein in der Jugend unkontemplierbarer Muss-Glaube richtet sich bei denkenden Menschen häufig gegen die vermittelten Religionsinhalte. Das geschieht vor allem deswegen, weil Vertreter der Kirche häufig ihre eigene Meinung mit einer Wahrheitsberechtigung ausstatten, die ihnen nicht zusteht. Der Unterschied zwischen Wahrheit, Wissen und Interpretation wird unter den Teppich gekehrt und alles ist gleich, wenn „die Kirche“ und „ihre Vertreter“ es verkündigen.
Ein anderer Ansatz, der bei mündigen Interessenten zu beobachten ist, ist die Auswahl einer religiösen Geschmacksrichtung, die möglichst nahe den eigenen Vorstellungen kommt. Für meinen eigenen Geschmack hatte der Gedanke an Reinkarnation immer etwas besonders Gerechtes an sich. Warst du in einem Leben schlecht, wirst du im nächsten Leben zu einer unachtsam zertretenen Ameise. Umgekehrt ist es sinnvoll, an sich selbst zu arbeiten, damit das nächste Leben vielleicht schon auf einer höheren Stufe beginnen kann. Ein weiterer Zugang kann auf dem Prinzip des Mehrheitswahlrechtes erfolgen. Welche Religion hat die meisten und sympathischsten Anhänger? Jetzt? In der Vergangenheit? Da möchte ich auch dazugehören. Oder man betrachtet die Kombination aus verschiedenen Religionsinhalten: die Anthroposophie nach Rudolf Steiner kann durchaus als gelungene Verbindung von Christentum und Buddhismus dargestellt werden. In den Werken sowohl des weltlich bekannten Christian Morgensterns als auch des katholischen SJ Teilhard de Chardin kann der spirituelle Aufstieg des Menschen verstanden werden. Wenn wir versuchen, den demagogischen Aspekt auszuschließen, müssen wir uns generell an unterschiedlichste Völker und Gruppierungen wenden, die quer durch die Geschichte an bestimmten Riten festhalten und ihren Glauben oft sehr standhaft einzementieren. Mircea Eliades „Geschichte der religiösen Ideen“ kann hier als Grundlage dienen. Für mich war es sehr interessant zu erfahren, dass der jüdische Glaube nicht – wie im Religionsunterricht gelernt – die erste monotheistische Religion war.
An all die Nymphen, Faune, Halbgötter und Vollgötter der griechischen Mythologie zu glauben, ist heute schwer substanziierbar, obwohl Herzmanovsky-Orlando begeistert gewesen wäre. Auch die nordischen Gottheiten finden besseren Platz in der Literatur und verfilmbaren Bestsellern als in einer lebbaren Grundphilosophie.
Heutige Philosophen wie Charles Taylor sprechen lieber von der Authenzität und eine wesentliche Fragestellung der heutigen Philosophen betrifft eine areligiöse Ethik. Wenn der Mensch Gott leugnet, leugnet er sich selbst auch. Das kann durchaus eine vertretenswerte Beschränkung in dem Glauben an die eigene Wichtigkeit sein. Wir kommen dann relativ bald zur Bewunderung der Dinge rund um uns und entdecken die Bedeutung des Prinzips Leben. Und plötzlich fängt rund um uns mehr zu leben an, als wir es von Mensch, Tier und Pflanze gewöhnt sind. Berge, Täler, Meer und Himmel gewinnen an Beseeltheit und beginnen einen Dialog mit den inneren Landschaften der persönlichen Seele. Eine solche Überlegung, die sich durchaus auch im Rahmen der Antroposophie darstellen lässt, findet sich im spirituellen Erbe der Kelten.
Wenn die keltische Betrachtung von Licht und Liebe, die Betrachtung von Freundschaft, im Rahmen unserer heutigen Umgebung mit Fast food, Neonlicht und Lautheit als nicht anwendbar erscheinen, gibt es starke Aussagen eines Erich Fromm in „Haben oder Sein“, wonach gerade die angesprochenen Erkenntnisinhalte eine große Beeinflussung aufweisen, ob man als Mensch entfremdet oder authentisch lebt.
Mit einer ganz kurzen Gedankenschleife kommen wir von der nicht-entfremdeten Tätigkeit zur lustvoll erlebten Arbeit, zum Erfolg und zur Integration in ein sinnvolles Gemeinwesen.
Der irische Philosoph John O’Donohue hat aber für seine Darstellung der keltischen Spiritualität den Titel „Anam Ċara“, welches soviel wie Seelenfreund bedeutet gewählt. Mit dem Seelenfreund finden wir plötzlich eine ganze Schar von Querverbindungen.

23.11.2002 Brunn




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