Archive for the ‘Persönliches’ Category

Anlässlich eines Blogeintrags über „Dampf“, wobei es um die Dampfschifffahrt gegangen ist, wurde ich an eine andere Art von Dampf erinnert und zu einem langen Kommentar verleitet. Jetzt habe ich noch ein paar Gedanken dazu weitergesponnen…

點心 oder 点心

unter Dampf

In Wien gibt es ein von mir bevorzugtes chineseisches Restaurant, das ich oft auch allein besuche. Meistens abends, wenn ich nach Hause fahre, da es unmittelbar auf meinem Heimweg liegt und ich einfach spontan entscheiden kann. Oft ist es ausschließlich ein augenblickliches Gusto-Gefühl, welches den Umstieg von der U3 zur U6 mit einem Nichtumweg über das Restaurant ergänzt. Es befindet sich unmittelbar hinter dem Westbahnhof, wobei die Bezeichnung hinter schwer zu begründen ist, da der neu renovierte Westbahnhof eigentlich nicht mehr so stark vorne-hinten orientiert ist. Sagen wir so: das Restaurant liegt in Fahrtrichtung links, dort, wo die Gleise des Kopfbahnhofes herauskommen.
Objektiv ist dieses Plätzchen vermutlich sehr gut, weil man so viele Chinesen dort speisen sieht. Es scheint sich also recht heimatlich in gastronomischer Sicht anzufühlen.

Ich bestelle dort in der Regel T2, T3, T17 und T8 und einen Jasmin-Tee.

Während ich sitze und auf die Gerichte warte, erinnere ich mich immer wieder an zwei Erlebnisse aus den Achtzigerjahren, eines davon abschreckend, während das andere eine nette Erinnerung wachruft und daher insgesamt eine positive Anmutung erzeugt. Die Orte der Geschehen sind Wuhan und Hongkong.

Nach Wuhan war ich nach einer achtzehnstündigen Eisenbahnfahrt von Beijing gekommen. Die Ankunftszeit war kurz vor Mittag und der Professor und ein Assistent holten uns ab und wollten uns sogleich mit einem Mittagessen verwöhnen. In der Nähe des Bahnhofs gab es ein Restaurant und wir mussten ungefähr 12 Minuten zu Fuss laufen. Dieser Spaziergang bedeutete eine unheimliche Erfahrung für mich. Schon in Beijing gab es am Bahnhof so viele Menschen, dass wir uns nur aufgrund unserer Hartschalenkoffer eine Art Rammbock schaffen konnten, mit dem wir es in Form eines Eisbrechers bis zur Rolltreppe schafften, die zu den Zügen führten. Beim Ausstieg in Wuhan waren es eben so viele Menschen. Der Bahnhof wimmelte von Chinesen und Chinesinnen. Das erschien mir noch als normal, doch als wir ungefähr fünf Minuten gegangen waren, stellte ich fest, dass die Menschendichte nicht abgenommen hatte. Die gesamte Straße war dicht von Menschen befüllt, die damals die grünen oder blauen Drilliche trugen und dadurch wirklich einen ameisenartigen Eindruck machten. (Ich schreibe das ganz bewusst so, denn es stimmt absolut nicht, dass alle Asiaten gleich aussehen. Ich lernte später, fünfhundert japanische Kunden per Gesicht und Namensschreibweise zu unterscheiden, denn die Gesichtszüge und Figuren sind genauso differenzierbar wie bei uns.) Da die groß gewachsen bin, konnte ich gut über alle hinwegblicken und ich erinnere mich deutlich an das Gefühl von Dankbarkeit, dass ich in Österreich geboren war. Meine ganze Erziehung, die europäische Kultivierung betont das Individualistische. In China hätte ich meiner Ich-Bezogenheit vermutlich Selbstmord begehen müssen. Als Teil eines Kollektivs kann ich mich einfach nicht sehen. Manchmal vielleicht, doch nicht in der gesamten Lebenseinstellung.

Jedenfalls erreichten wir das Lokal, wo es überhaupt nur eine Sache zu essen gab. Ich musste drei Stockwerke hochsteigen. Je höher man saß, desto feiner war der Tisch gedeckt. Doch in jedem Stockwerk wurde nur dieses Gericht gegessen und das ganze Lokal roch danach. Für Wuhan war das ein feines Lokal, bei dem das Essen zelebriert wurde.
Sonst war die Kost in den Achtzigerjahren in Wuhan eher beschränkt, vor allem in der Uni-Kantine. Die Esskultur auf der Campus-Mensa war erschreckend, so schlimm, dass wir schließlich die Suppe verweigerten. Der austeilende, ältliche Chinese ließ die Suppe von einem großen Suppenlöffel in seinen Hemdärmel laufen. Mit einem Loch am Ellbogen, wo die Suppe herauskam, dirigierte er die Flüssigkeit in unsere Suppenschalen. Der unverfängliche „fried rice“, den ich im Hotel aß, besorgte mir die einzige Magenverstimmung, die ich je auf einer meiner vielfachen Auslandsreisen erfuhr. So viel zu Wuhan, einer nicht unbedeutenden „Region“ in der chinesischen Geschichte.

In Hongkong hingegen wurde mir bei meinem ersten Besuch berichtet, dass es sich bei „dem Gericht“ (oder den Gerichtchen) um die Lieblingskost der Manager in Hongkong handelte, die sie zum Lunch zu sich nehmen würden. Das galt für Chinesen und Engländer gleichermaßen, denn Zeit ist Geld und man brauchte nur bestellen und in wenigen Augenblicken kam das Essen.
Ich war ganz überrascht, als ich dann selbst tatsächlich zum ersten Mal typische Vertreter dieser Zubereitung kostete. Einfach köstlich.

Die chinesische Bezeichnung – die ich jetzt sogar schon lesen, aussprechen und sprechen kann – bedeutet „ein bisschen Herz“ oder wie es poetisch besser in Wikipedia zitiert ist:
„Kleine Leckerbissen, die das Herz berühren“.
Das Wort Herz wird auf kantonesisch anders ausgesprochen als in Mandarin. Daher sagt man „Dim Sam“. (deutsche Phonetik. Dim Sum in englischer Umschreibung)

[Es sind] kleine Gerichte, die meist gedämpft oder frittiert sind. Sie stammen ursprünglich aus der kantonesischen Küche Chinas. Zum Teil stammen die Häppchen aus traditionellen Teehäusern. Man findet es in unzähligen Variationen und allen Preisklassen vor allem im Süden und Osten Chinas. Dim Sum werden zu klassischem chinesischen Tee meistens in kleinen Bambuskörbchen gereicht. Die Bambuskörbe haben einen Durchmesser von knapp 20 cm und können zum Dämpfen aufeinander gestapelt werden, der oberste wird danach abgedeckt.<> In jedem befindet sich ein normalerweise auch aus Bambus bestehendes Gitter, auf das die Speisen gelegt werden. Es ist üblich, die Mahlzeit je nach Geschmack noch mit Sojasauce oder anderen – zum Teil scharfen – Soßen zu verfeinern. Den Großteil der Gerichte machen gefüllte Teigtaschen aus. Die Füllungen können aus allen denkbaren Sorten von Fleisch, Meerestieren und -früchten, aber auch aus Ei und Süßem bestehen. [Wikipedia]

1983 hatte kein einziger Chinese in Wien diese Gerichte anzubieten. Auch heute findet man nur eine leicht abzählbare Anzahl in Wien. Aber das Tsingtao beim Westbahnhof hat sie in großer Vielfalt. Wenn also auch der Dampf der Eisenbahnlokomotiven verschwunden ist, wie er noch so schön im Orientexpress der Fall war, gibt es nach wie vor Dampf gleich neben den Schienen. Ich kann jedem nur empfehlen, diese kleine Herzen zu verkosten.

P.S. T2 sind Teigbällchen mit Shrimps gefüllt, T3 sind Bärlauchtascherln, T17 sind Hummerschiffchen (also gebacken nicht gedämpft) und T8 sind Dòushābāo –  豆沙包 –  eine Art Germknödel mit süßer Bohnenpaste gefüllt.


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Ich bin unlängst gefragt worden, welches meine Inspirationen (es waren Werke der klassischen Literatur und Musik angesprochen) für mein Liebes/leben wären.
Die Frage ist sowohl einfach als auch sehr schwierig zu beantworten. Einfach wäre es, einfach zu verweigern. Genauso wie es keinen Lieblingskomponisten oder Lieblingsdichter gibt, kann es keine singuläre Inspirationsquelle geben. Dies gilt auch, wenn nicht nur eine sondern mehrere Quellen der Inspiration erlaubt wären.
Der schwierige Teil der Beantwortung dieser Frage besteht aber in der Rekonstruktion derjenigen Gefühlserzeuger, welche sich über die Jahre erhalten haben. Wenn neue Inspirationsquellen dazu kamen, durften sie nicht mit den bestehenden kollidieren.
Das erste Musikstück, an das ich mich erinnern konnte, aber es später nie fand, (bis es youtube gab) war das Scherzo D593 n.1 von Franz Schubert.

Dieses Stück hatte ich im Ohr, offensichtlich hatte es mein Vater häufig gespielt, als ich so drei bis vier Jahre alt sein musste. Irgendwann später hörte ich es bei einem Schülerkonzert, merkte mir aber trotzdem nicht, wie es hieß. Dieses Stück verkörperte für mich Familie, Geborgenheit, etwas an biedermayerlicher Gemütlichkeit und auch Luxus, den wir damals beileibe nicht in materieller Sicht leben konnten. Vielleicht wurde gerade damals mein Bewusstsein geprägt, dass es Luxus ist, sich an der Musik so freuen zu können, wie ich es tat, dass die Freiheit des Geistes der wahre Luxus ist, der später eine große, sicher nicht totale Immunität gegenüber dem Konsumismus bewirkt.
Später hörte ich viel Musik, im Radio waren es Beethoven und Mozart, hauptsächlich Übertragungen von den Salzburger Festspielen, diese inspirierten mich und waren gleichzeitig der Grund, warum ich kein Musiker wurde. Dies verhielt sich so: als ich im Alter von 11 Jahren zum ersten Mal bei einem Schülerabschlusskonzert auf einem Bösendorfer spielen durfte, war ich grenzenlos enttäuscht, dass ich nicht den Klang erzeugen konnte, der mir vorschwebte. Es war der Klang, der sich als Erwartungshaltung durch das Anhören pianistischer Darbietungen ergeben hatte. Ich war also kein Pianist und würde keiner sein können!
Auch heute habe ich eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wie etwas auf dem Klavier zu klingen hat. Und ich bin sogar in der Lage, dieser Vorstellung in vielen Fällen Genüge zu leisten. Dass ich keine Musikerlaufbahn eingeschlagen habe, habe ich allerdings nicht bereut. Zu gut habe ich den Musikbetrieb aus einer anderen Perspektive kennengelernt.
Abgesehen von Beethoven, der mich vermutlich wirklich im Gemüt „veredelt“ hat, wie das Beethoven selbst wollte, gab es zwei weitere Musikstücke, die meinen Lebensweg beeinflusst haben. Da gab es die Wiedergabe eines Konzertes mit Shura Tscherkassy, der die Bilder einer Ausstellung in Wien spielte, als ich ungefähr acht Jahre alt war. Seine Interpretation begeisterte mich so, dass ich den Wunsch fasste, das einmal zu üben. Zweiundfünfzig Jahre später mussten sich die Gäste meiner Geburtstagsfeier damit abfinden, dass ich es geübt hatte.
Eine weitere Beeinflussung erlebte ich durch die letzte posthume Schubert-Klaviersonate D960 in B-Dur.

Mein Vater pflegte sie immer wieder einmal zu spielen, wenn er vom Büro nach Hause kam. Diese Sonate berührte mich so sehr, dass sie mich zeit meines Lebens das Klavierspiel festhalten ließ. Während meiner Pubertät, in der viele Dinge wichtiger als das Klavier erschienen, trieb mich der Gedanke in die Klavierstunden, dass ich wohl fleißig üben musste, dass ich dieses Werk einmal selbst würde spielen können.
Es ist wohl etwas Besonderes sagen zu können, dass ein Stück welches man so oft gehört und auch gespielt hat, nie seinen Reiz und seine Verzauberung verloren hat. Da der zweite Satz ähnlich wie die vierte Symphonie von Franz Schmidt eine Musik ist, die einen in das Jenseits begleiten kann, ist die Klaviersonate wohl erst dann ausgeschöpft, wenn die Lebensenergie erschöpft ist.
Das Klangbeispiel von Brendel trifft meine Vorstellung, wie die Sonate in Tempo und Dynamik zu gestalten ist, hundertprozentig. Dies befriedigt mich insofern, als ich die Musik als eine Sprache ansehe und mich freue, wenn ich offensichtlich nicht etwas Falsches sondern etwas auch bei anderen Nachvollziehbares verstehe.

Obwohl es noch weitere Schlüssel in bezug auf das musikalische Erleben gibt – wie z.B. unsere Hausoper „die verkaufte Braut“ oder der Allzeitgenuss „Rosenkavalier“ höre ich jetzt hinsichtlich der Musik auf.

Bei der Literatur wird es noch schwieriger. Es ist mir ein Anliegen, festzustellen, dass ich in Franz Karl Ginzkeys Werken nie (als Kind und auch nicht als Erwachsener) das rassistische Moment erkannt habe. Honni soit qui mal y pense, wäre wohl angebracht. Florians wundersame Reise über die Tapete spannte für mich eine Welt auf, wie sie schöner nicht sein konnte. Hier machte sich vor allem meine Schwester verdient, die sie mir oft vorlas.
Märchen und Sagen hörte ich nie auf zu lesen. Inspirierend waren aber „Readers‘ Digest“-Artikel über großartige Männer. Es waren fast immer Männer und meistens waren es Ärzte. Sie waren die eigentlichen Idole meiner Kindheit und ich hätte mir gut vorstellen können, ein Chirurg zu werden. Später relativierte sich dieser Wunsch. Durch die Bücher, die mir geschenkt wurden, Geschichten über große Erfinder und Entdecker und auch Bücher über Physik, wurde in mir eine Leistungsvorstellung erzeugt, die zwar teilweise wegen meiner Mutter negativ empfunden wurde, (ich wurde viel wegen guter Noten gelobt, was mich nicht besonders glücklich stimmte, vor allem, wenn meine Mutter anderen darüber berichtete.) mit der ich aber heute recht gut leben kann.
Es ist die Ausrichtung an größeren Personen als man selbst. Mein Selbstwertgefühl ist ausreichend, dass die Erkenntnis, nie einen Nobelpreis gewinnen zu können, keine Depressionen verursacht. Gleichzeitig aber sehe ich das Maß der Dinge nicht an meinem Niveau ausgerichtet, sondern es ist irgendwo darüber. Es ist möglich, besser zu werden, an sich zu arbeiten, zu lernen, einen größeren Überblick zu bekommen.
Ich lasse mich zwar gerne gehen, doch genauso gerne vertiefe ich mich in eine Sache, bis ich sie „vertikal“ verstanden habe, vom Überblick bis ins Detail.
Ja und etwas später, im Alter von ungefähr neunzehn Jahren machte der Steppenwolf einen bedeutenden Eindruck auf mich. Die Vorstellung, mit kulturellen Werten wie im Glasperlenspiel spielen zu können, zog mich an, doch wie der Steppenwolf zu vegetieren, wollte ich nie. All die guten Lehren die Hermine und Pablo oder auch Maria dem Steppenwolf angedeihen ließen, fielen auf äußerst fruchtbaren Boden. Bis auf die Geschichte mit dem Rauschgift. Das hat mich nie angezogen, weil ich zu ängstlich war und weil ich außerdem keine Notwendigkeit sah, „mein Bewusstsein zu erweitern“. Mein Bewusstsein hielt ich für ausreichend erweitert, als ich im Alter von neunzehn Jahren einmal eine Bayreuther Tristanübertragung hörte und im Zusammenhang mit vier Flaschen Bier und einer Schachtel Gitanes ohne Filter am Ende des dritten Aktes vollkommen abgehoben war und praktisch das Meer rauschen hören konnte. Damals schwor ich mir, dass ich keine Bewusstseinserweitung brauche. Alles kann ich aus der Musik nehmen.
War da noch irgendwo vom Liebesleben die Rede?
Der Menschen Hörigkeit (WS Maugham), das Ende einer Affäre (Graham Greene), Arrowsmith (Sinclair Lewis), das waren meine Ratgeber in Liebesdingen, dort gab es Frauen, die bewundernswert waren – nicht alle natürlich.
Wenn ich darüber nachdenke, gibt es für diese Aufzählungen kein Ende. So viele Beinflussungen: Goethes „Märchen“, Haufsche Märchen, das Haufsche „Märchen“, sie alle lebten und tun es noch heute.
Der Kreis schließt sich dort, wo eine Begeisterung für den Faust II noch durch die Begeisterung für Bulgakovs „Master i Margarita“ übertroffen wird und ich am Schluss finden kann, dass für Bulgakov das Anhören von Schubert als paradiesische Beigabe für den Master und seine Geliebte empfunden wird.
Ja, es gibt hier kein Aufhören der inspiratorischen Beeinflussung. Sie wird hoffentlich nie aufhören.

Es gibt einen Tenor in der heutigen Zeit, der wie ein Mantra das Leben in der Gegenwart propagiert. Nicht alle hören ihn oder wollen ihn beherzigen, auch ich selbst sehe das gesamte Leben als integralen Bestandteil von etwas Größerem. Mir sind meine Erinnerungen lieb und wert, selbst aus den schlechten lassen sich Erfahrungen und das Vermeiden künftiger Fehler ableiten. In der Regel wird dem Langzeitgedächtnis hierbei eine sehr große Genauigkeit zugemessen. Von der bin ich nicht so überzeugt, denn zumindest ich neige dazu, die unangenehmen Erinnerungen zu vergessen oder Details davon zu unterdrücken, während angenehme Ereignisse eher noch verbrämt und ausgeschmückt erscheinen.
Heute habe ich eine sehr interessante Erkenntnis über das Alter festgestellt. Nichts besonderes, sie ist schließlich bereits Forschungsgegenstand. Fluide und kristallisierte Intelligenz, unter diesem Stichwort befindet sich bereits in Wikipedia eine recht gute Zusammenfassung der unterschiedlichsten Lehrmeinungen. Ist man interessiert, gibt es bereits genügend Bücher, die sich vor allem hinsichtlich Pädagogik mit dem Thema befassen.
Meine Erkenntnis betrifft die plötzlich erscheinende Klarheit über meine eigene – in diesem Fall – kristallisierte Intelligenz. Der Anlass war das Ansehen des Filmes La Strada, den ich seit vierundvierzig Jahren nicht mehr gesehen hatte.
La Strada war für mich ein besonderer Film, er war der erste, den ich je im Fernsehen gesehen hatte. Meine Eltern hatten keinen Fernseher, wofür ich ihnen heute dankbar bin, obwohl ich damals sehr bedauerte, in den Schule nicht über den neuesten Maigret mitreden zu können. Einmal waren meine Eltern bei einem Arbeitskollegen meines Vaters eingeladen, der zufälligerweise wie die Hauptfigur der Strudelhofstiege hieß, nämlich Melzer. Bei Melzers gab es also ein Abendbrot und danach wurde fern gesehen. Zufällig lief gerade der Film La Strada. Der Film machte auf mich sechzehnjährigen einen sehr großen Eindruck. Obwohl, wie ich heute feststellen konnte, ganz wesentliche Inhalte und Szenen an mir vorbeigingen, war ich überzeugt davon, dass es sich um einen großartigen Film handeln musste. Doch während ich mich an einige Details ganz genau erinnern konnte und noch kann, z.B. den versuchten Diebstahl im Kloster oder die Szene des Abschieds von der Mutter, hatte ich einen Tatbestand vollkommen verquer gespeichert. Bis heute glaubte ich nämlich, dass Zampano vor Gelsomina starb und nicht nicht umgekehrt. Jetzt ist dies aufgrund des Filmverlaufs eine derartig unwahrscheinliche, ja sogar unmögliche Interpretation, dass ich mich wundere, warum sich das bei mir in der Erinnerung so eingenistet hat. War es Wunschdenken? Ich hatte auch schon damals nicht verstanden, warum sie als so häßlich bezeichnet wurde. Für mich bleibt sie damals und heute schön. Eine andere Art von Schönheit, aber doch eine, die von innen heraus leuchtet.
Was allerdings neben dem Umstand der vollkommen falschen Erinnerung noch stärker wirkt, ist die Erkenntnis, dass ich damals eigentlich nichts verstanden haben konnte. Jede einzelne Szene analysiere ich jetzt hinsichtlich Motivation im Film und in der Verwendung der dramatischen Wendungen. Ich weiß, dass ich damals bestimmte Anspielungen nicht verstanden hatte. Wenigstens nicht intellektuell. Vielleicht haben sie mein Unterbewusstsein wesentlich mehr berührt. Dass es ein sehr guter Film sein musste, habe ich ja erst später bewerten können, denn es war mein erster Fernsehfilm und auch im Kino hatte ich bis dahin höchstens drei Filme gesehen.
Meine Denktätigkeit ist heute eine andere. Ich denke in Mustern, in Verdichtungen, in Zusammenfassungen. Das beeinflusst auch mein Lesetempo und die sowohl die Akzeptanz als auch die Ablehnung verschiedener Bücher. Manchmal blättere ich heute in der Buchhandlung in bestimmten Ratgeberbüchern. Wie werde ich reich? Wie werde ich nicht arm? Wie erobere ich Frauen? Wie lebe ich ein glückliches Leben? Der Inhalt dieser Bücher lässt sich fast immer auf eine halbe Seite zusammen fassen. Der Rest ist nur ausfüllenden Blabla, um einen möglichen Bestseller daraus zu machen.
Was ich im Leben allerdings gelernt habe, ist die Notwendigkeit, etwas Erfasstes auch einige Zeit lang durch zu denken, zu üben, noch einmal zu üben. Verstehen heißt nicht behalten. Ich habe das früher geglaubt. Vielleicht war es auch in manchen Fällen so, dass es gereicht hat, um etwas einmal zu hören und es dann nicht nur wiedergeben sondern auch anwenden zu können.
Jetzt im Alter muss ich mich mit dem Verstandenen länger beschäftigen. Aber ich verstehe auch viel mehr.

(Dieser Eintrag weist einen Bullshit-Faktor von 0,13 auf, gemessen mit dem Blabla-Meter. Nur Einträge, die weniger als 0,15 aufweisen, stelle ich ins Blog. Vergleichswerte sind Zeit-Artikel, die in der gleichen Größenordnung rangieren und Standard-Artikel, die bis zu 0,45 aufweisen. Als Standard-Journalist würde ich mich heutzutage schämen.)

Seit zwei Wochen lebe ich ein sehr intensiviertes Leben. Die Muße, welche das Feiern und die Besuche von lieben Verwandten und Freunden erfordert, wird von exakten Planungen eingerahmt, welche in sich wiederum stille Phasen einschließen, wenn Flüge absichtlich zu späten Terminen gebucht werden, um Freiraum für zeitlich nicht genau beschränkbare Besprechungstermine einzuräumen. Obwohl ich genug aufzuarbeiten hätte, bin ich dazu nicht unter allen Umständen bereit. Auf Flughäfen erzeugen die lauten Ansagen, der Lärmpegel der wartenden Reisenden und manchmal das durch die Scheiben gedämpfte Geräusch von abhebenden Flugzeugen Gedanken, die zwar beim Schreiben einer vorliegenden Betrachtung nützlich sind, die notwendige Konzentration auf fachliche Themen aber keinesfalls zulassen.

Für die kleinen Pausen habe ich mir Kontrapunkt von Anna Enquist gekauft. Dieser Roman referenziert zwar Thomas Bernhard Untergeher Betrachtungen über Glenn Gould, er ist aber, was die Musik angeht, viel exakter in seinen musikalischen Beispielen, ja fast übergenau in der Beschreibung der technischen Schwierigkeiten. Der Roman beschreibt, wie die Frau mit Hilfe der dreißig Goldbergvariationen ihre verstorbene Tochter wieder zum Leben erweckt. Genauer gesagt, kann die Erinnerung an ihre Tochter durch das Studium des Werkes wieder plastisch werden.

Der Gedanke ist bestechend. Kann ein Mensch durch Musik aus der vagen zeitlichen Vergangenheit herbei geholt werden? Vielleicht in der Form, wie ein unscharfes Bild durch Fokussieren plötzlich Strukturen und Einzelheiten zugänglich macht, die man mit dem unbewaffneten Auge gar nicht wahrnehmen hätte können?
Soviel zur Buchempfehlung.

Während ich auf dem Flughafen in Düsseldorf über die gelesenen Seiten nachdenke, erwacht in mir der Wunsch, Epigone zu sein. Ich möchte auch Musik so beschreiben können. Leicht ist es nicht, Thomas Mann ist daran im Dr. Faustus grandios gescheitert. Überhaupt ist auch sein Versuch, Wagner in die Schrift zu bringen, zwar Beweis der Großartigkeit Wagners, doch das Resultat klingt wie ein stereophon aufgenommes Werk, bei dessen Wiedergabe man nicht nur auf einen Lautsprecher verzichtet sondern den zweiten auch vollkommen falsch dimensioniert hat.

Da will ich mir den Versuch antun, es besser machen zu wollen?
Welches Stück beschäftigt mich denn derart, dass ich denke, mehr als berufenere darüber schreiben zu können? Die Antwort ist eine Antwort auf eine Frustration. Ich bin enttäuscht, dass ich alles, was ich schreibe, als Plagiat enttarnen kann: Ich weiß, welche Bücher, welche Eindrücke, welche Ansichten meine logischen Abläufe begründen. Was ich schreibe, ist eine mechanische Erwiderung von sympathischen oder parasympathischen Reizen. Eine Maschine könnte das besser.

Bei einer bestimmten Komposition von Schubert glaube ich aber zu wissen, dass meine Anschauung mir gehört. Ich habe es nicht wo gehört und die vielen Einspielungen und Konzerterlebnisse, die ich damit hatte, können in mir nicht den Eindruck erwecken, dass jemand anderer denselben Gedanken haben könnte. Nein, ich nehme durchaus in Kauf, dass meine Darstellung als Hirngespinst abgetan werden kann, als übersteigerte Theatralik.

Das angesprochene Werk ist das Impromptu in Ges-Dur von Franz Schubert. Ich habe zwar schon erzählt, dass bei diesem Werk der Pianist in den Hintergrund treten muss. Er muss unsichtbar werden. Trotz der vorhandenen technischen Schwierigkeiten muss die Interpretation des Werkes jeden Hauch von pianistischer Brillianz vermeiden. Der Pianist muss aber noch etwas anderes erreichen: im gleichen Maße, wie sich die Musik vom Pianisten los löst, muss sie sich auch vom Zuhörer los lösen können. Und das ist das weitaus Schwerere der gestellten Aufnahme. Die Intensität einer Musik wie das Impromptu führt normalerweise zu einer emotionalen Beeinflussung des Zuhörers. Die Musik wird von der Seele mit der gleichen Plötzlichkeit empfangen, wie Traubenzucker vom Organismus aufgenommen wird. Doch jetzt soll dieser Vorgang durch ein viel stärkeres Phänomen ersetzt werden: man sieht der Seele zu, wie sie dem Körper entschwindet. Der Schluss, der in ein dreifaches Pianissimo mündet, soll die Frage im Raum lassen: was habe ich denn da wirklich gehört? Der Pianist muss sich auf die gleiche Seite wie der Zuhörer stellen. Er schickt die Musik in den Raum. Vielleicht schickt er sie zum Stern des kleinen Prinzen, vielleicht fährt sie mit Florian auf eine wunderbare Reise über die Tapete, vielleicht macht sie eine kleine Rast auf der ISS-Raumstation. Was sie zurücklässt, ist eine namenlose Sehnsucht, eine Süchtigkeit nach der Süße, eine Sucht oder einfach eine Suche nach dem Unfassbaren. Wie können so einfache Töne eine derart starke Wirkung auslösen? Wenn ich den Anfang der Melodie mit Worten unterlegen sollte, wären dieselben: „Wo gibt es Ruhe? Gibt es für mich denn gar kein Ziel? Wo kann ich bleiben, und in Ruhe träumen?“

Schubert hat ja auch das Lied der Mignon vertont. Wenn Goethe immerhin impliziert, dass jemand die Sehnsucht kennen könnte, hat sie sich in diesem Impromptu verselbstständigt und den Bezug zum Menschen gelöst. Die Sehnsucht hört auf, das Artefakt des Menschen zu sein, sie hat sich zur eigenständigen Kategorie gewandelt. Eine Kategorie, wie es die Liebe ist, die in sich unbeschreiblich bleibt. Auch die Sehnsucht können wir nicht mehr beschreiben. Wir können sie in der Musik annähern. Wenn sie aber so intensiv wie bei Schubert auftaucht, verliert sie als Beschreibung gleichzeitig das Vermögen, vom Menschen verstanden oder gelesen werden zu können. Wir können gerade noch mitbekommen, dass hier eine Antwort auf brennende Fragen geboten wird, doch die Präzision, mit der die Fragen beantwortet werden, verhindert, dass wir die Fragen überhaupt hinsichtlich ihrer Formulierung verstehen. Eine Art Heisenberg’scher Unschärferelation in der Musik. Also solche ganz atypisch für musikalische Werke.

Für mich besteht darin die Größe dieses Impromptus. Und selbstverständlich kann man daran ein ganzes Leben üben…

Nachtrag:

Eine der Einspielungen von Ingrid Haebler. Auf youtube gibt es mehrere Versionen von ihr. Das ist diejenige, die mir am meisten zusagt. Sie gefällt mir auch vom Tempo wesentlich besser als die vieler anderer Pianisten. Haebler ist 1929 geboren. Vielleicht kann man sagen: so hat man früher gespielt. Gar nicht so schlecht.




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