„Sag einmal, was hat sich denn vor drei Tagen abgespielt, dass Du auf einmal den Philosophischen kriegst? Da muss doch etwas gewesen sein.“ Otto hatte die Frage befürchtet. Darüber war bisher noch nichts gesagt worden, ob er über das Wasser sprechen durfte. Vielleicht war das auch deshalb, weil ihm sowieso niemand glauben würde.
Er wich aus: „Wahrscheinlich so etwas wie eine verspätete Midlife-Krise. Da wird man dann ja plötzlich besinnlich, oder?“ Vera hakte nach. „Sicher, sicher. Man beschäftigt sich mit dem Sterben, vielleicht auch mit der Zeit, doch das hat doch nichts damit zu tun, dass man plötzlich über die Granularität der Zeit nachdenkt.“
In Otto klickte es. Damit hatte sie ja praktisch schon bestätigt, dass die Zeit nicht kontinuierlich verlief. „Damit Du mich nicht falsch verstehst. Das ist keine Antwort, aus der Du schließen kannst, dass die Zeit unstetig ist. So einfach wird es sowieso nicht sein. Vermutlich ist es ähnlich wie beim Licht.“
Otto fiel ihr ins Wort: „Ja, ja, so einfach denke ich mir das ja auch nicht. Es liegt auf der Hand, dass wir mit der Zeitmessung nur Quanten messen können. Aber das bedeutet doch nicht, dass es dazwischen nichts gibt.“
Er hielt inne. Gerade war ihm ein Gedanke durch den Kopf geschossen. Man müsste eine Methode finden, mit der man einen Zeitpunkt zwischen zwei gemessenen Zeitpunkten interpolieren konnte. Wenn man das beliebig wiederholen könnte, wäre wenigstens im mathematischen Sinn eine Stetigkeit nachzuweisen. Aber was wäre die Schlussfolgerung daraus? Er drehte sich offenbar im Kreis.
Vera ließ nicht locker: „Also pass auf! Ich weiß, dass Du nicht einer der Dümmsten warst. Doch in Physik warst Du nicht so besonders. Und jetzt beschäftigst Du dich auf einmal mit einer Kernfrage der Physik, die sich noch nicht einmal die Physiker selbst anzugreifen trauen. Da muss sich doch irgendetwas abgespielt haben.“
Otto machte einen ertappten Eindruck. Konnte er einfach behaupten, dass er seine Gehirnleistung durch eine Droge aufgepeppt hatte? Sie würde sofort nach Namen und Herkunft fragen.
„Kannst Du dich noch an den Film ‚Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben‘ mit Peter Sellers erinnern. Da gab es doch diesen Typen, der behauptete, dass alles Unheil von schlechtem Wasser kommen würde. Die Feinde würden alles vergiften und daher war ihm seine Wasserversorgung sehr wichtig.“ – „Ja, sicher, obwohl die Wassergeschichte nicht wirklich so bedeutend war.“ Otto fuhr mit neuem Mut fort. „Nun, ich trinke nur mehr Wasser, mit der heutigen Ausnahme“ (die anderen verschwieg er wohlweislich. „Diese Diät scheint eine magische Wirkung zu haben.“ lächelte er zaghaft.
Vera schien in sich hinein zu horchen. „Aha, ich verstehe.“ Sie blickte ihn prüfend an, dann schüttelte sie den Kopf.
Musste das wirklich sein? Musste sie mit Wasser auskommen. Nachdenklich betrachtete sie ihre Ringe und die Armbanduhr. Sie trug zwar nur wenig Schmuck und den auch nur selten, doch alles war aus Gold. Das war nicht zufällig. Sie musste wenigstens einen Goldschmuck tragen, um die fitte, bewegliche und attraktive Vera darzustellen. Das Gold war für sie genauso eine Batterie, wie für Otto das Wasser.
So wie es aussah, brauchte Otto gar kein Feuer, seine Energie schien auch so nicht besonders beschränkt zu sein. Warum hatte er sich an sie gewandt? Warum war er laut Horoskop für sie wichtig? Dieses dumme Horoskop, von dem man nicht mehr wusste, wer es eigentlich steuerte.
„Wie bist Du den eigentlich drauf gekommen, dass die Zeit unstetig sein könnte?“ Otto war erleichtert. Er musste nichts über das besondere Wasser berichten. Es kam ihm gar nicht erst in den Sinn, dass Vera darüber vielleicht mehr Bescheid wusste als er. So erzählte er unbeschwert von seinem Kinoerlebnis und den Bildern, die er aus der Erinnerung aufgezeichnet hatte. Er holte sich eine saubere Serviette und fing an, ein Trilin zu zeichnen.
Vera sah ihm zuerst belustigt zu. Doch dann wurde sie zunehmend ernster, bis ihr am Schluss sogar ein Seufzer entkam. Dieser galt ihr selber. Es war nunmehr ganz klar, dass Otto ein Wassermensch war. Den Ausdruck Wasserträger kannte sie nicht, genauso wenig, wie Otto ahnte, dass er es mit Feuer zu tun hatte. Nein, Otto war in dieser Beziehung ganz ahnungslos und hatte nicht einmal den leisesten Verdacht, dass es neben ihm noch andere merkwürdige Personen geben könnte. Er freute sich, dass er das Trilin so gut hin bekommen hatte und versuchte, es Vera zu erklären.
Diese ließ nicht erkennen, dass sie genau wusste, wovon er sprach. Sie hätte ihm sogar erzählen können, dass sich Zeitlinien in einem Trilin nie wirklich schnitten. Sie lagen quasi dreidimensional übereinander und nur in den seltensten Fällen gab es wirklich einen gemeinsamen Zeitpunkt, einen, der auf beiden Zeitlinien aufgefunden werden konnte.
Sie dachte an die Entsprechung, wie sie bei menschlichen Begegnungen gegeben war. Zwei Menschen konnten einander begegnen sich ansehen und trotzdem nichts vom anderen wahrnehmen. In ganz seltenen Fällen blitzte etwas auf, manchmal wurde das als Liebe auf den ersten Blick bezeichnet. In Wirklichkeit hatte das noch nichts mit Liebe zu tun sondern war ausschließlich das sehen können. Bei Vera und Otto war das darüber hinaus eine Einbahnstraße: Vera konnte Otto sehen, er sie aber nicht. Er spürte nicht, dass da etwas eingerastet war. Anscheinend war das auch nicht notwendig. Vera fragte ihn ganz direkt: „Sag einmal, das wird ein längerer Exkurs. Wie sieht denn das bei dir mit Urlaub aus? Fahren wir eine Woche ans Meer. Wir liegen in der Sonne und plaudern über die Zeit – oder auch über etwas anderes.“
Wie reagiert ein Mann, wenn ihn eine attraktive und gescheite Frau einfach frontal angeht und ihm anbietet, gemeinsam Urlaub zu verbringen. Sein mit den Crépes errungenes Selbstvertrauen hatte sich schlagartig verabschiedet. Er stotterte fast: „Du willst mit mir auf Urlaub fahren? Ich versteh‘ das nicht ganz.“ Vera wirkte etwas gequält. Es war ja nicht so, dass sie wollte. Sie musste. Für sie war es schon recht eindeutig, dass Otto der Mann aus dem Horoskop war. Sie musste mit ihm jetzt eine Zeit, hoffentlich nur eine kurze, zusammen bleiben, um die Möglichkeiten, die das Horoskop bot, im positiven Sinn auszuschöpfen. Blödes Horoskop.
„Also wir fahren ans Meer. Wir kleiden dich ein bisschen moderner und passender ein und dann sehen wir, ob die Sonne unsere gedanklichen Höhenflüge entsprechend anheizen kann. Miteinander schlafen werden wir nicht. Das ist quasi ein Arbeitsurlaub.“
Otto hatte an letzteres nicht einmal im Traum gedacht. Es hatte ihn eher beunruhigt, weil er nicht wusste, welche Avancen von ihm erwartet würden. Die letzten Worten beruhigten ihn. Das könnte er schon machen. Urlaub hatte er noch von drei vergangenen Jahren gut. Die Zeit war kein Problem.
„Also gut, machen wir das. Wann kannst Du dir denn freinehmen?“ – „Wir können nächsten Montag starten, wenn dir das nicht zu früh ist.“ – „Nein, nein, das geht schon in Ordnung so.“ – „Gut, dann wirst Du jetzt wie vereinbart zahlen. Ich rufe dich an, weil ich mich um die Flüge und das Hotel kümmern werde. Zerbrich dir in der Zwischenzeit nicht zu viel den Kopf!“
Sie war zwar mit dem Auto gekommen, wollte es aber stehen lassen, da sie doch den größeren Teil vom Bordeaux getrunken hatte. Otto fuhr im Taxi mit ihr mit und verabschiedete sich mit Handkuss, danach ließ er sich nach Hause bringen.
Man kann sagen, dass er sich stimmungsmäßig viel besser als Vera fühlte.

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