Vera und Otto lagen am Strand und ließen sich von der Sonne bestrahlen. Sie sprachen nicht viel miteinander, doch das war kein Zeichen von Desinteresse. Beide dachten über ihr erstes Gespräch nach und Vera fing plötzlich an: „Du hast einen Irrtum in deinen Überlegungen.“ – Otto war etwas aus seinen Gedanken gerissen und wusste nicht, wovon sie sprach.
„Ich erinnere mich an dein Beispiel mit der Sonnenuhr. Du hast behauptet, dass man hier eine stetige Bewegung verfolgen könne. Aber das ist eigentlich unmöglich.“ – „Ach so, wie kommst Du denn darauf?“ – „Nun, in Wirklichkeit handelt es sich beim Schatten auch nur um eine Überlagerung sehr vieler Brechnungen. Überlege doch, wie ein einzelnes Photon zu einer Schattenbildung beitragen kann. Und dann denke an das Doppelspaltphänomen, welches keine eindeutige Auslegung von Licht zulässt.“ – „Damit kenne ich mich nicht so aus.“
Vera wollte ihm das nicht in aller Ausführlichkeit erklären. Immerhin hatte einmal ein bedeutender Physiker gesagt, dass jeder verrückt wäre, der behauptete, die Quantenphysik verstanden zu haben. Da jener selbst einen Nobelpreis auf dem Feld erhalten hatte, konnte man ihn zumindest dahingehend ernstnehmen, dass eine rein populärwissenschaftliche Erklärung kaum die richtige Vorgangsweise wäre, um Otto über diskrete Eigenschaften von Partikeln, von denen man nicht wusste, ob sie nicht doch eher eine Welle waren, zu unterrichten.
„Es gibt im atomaren Bereich diskrete Zustände, die nicht gleitend von einem in den anderen wechseln können. Zum Beispiel entsteht Licht oder die für uns unsichtbaren Farben dadurch, dass Elektronen von einer Umlaufbahn in eine andere springen. Natürlich sind die Elektronen selbst auch nicht unbedingt diskrete Kügelchen. Wir stellen sie uns eher als Wahrscheinlichkeitsfunktionen vor, die ausdrücken, wo sie sich gerade „ihr Zentrum“ befindet. Aber für dein Beispiel ist die Sonnenuhr ungeeignet. Man könnte sagen, dass es Positionen der Sonne gibt, welche die Uhr einfach nicht anzeigen kann.“
Otto nickte nachdenklich. Was Vera erzählte, bestätigte ihn ja in seiner Auffassung, dass Zeit diskret sein müsste, dass die einzelnen Momente eines Jetzt sich in Sprüngen bewegten. Es schien nur eine Frage der Auflösung zu sein.
„Komm, gehen wir ins Wasser.“ Er stand auf und machte die ersten Schritte in Richtung Wasser. Vera rief ihm zu: „Geh nur, ich komme dann später nach.“ Sie hatte nicht die Absicht nachzukommen. Seit geraumer Zeit hegte sie eine gewisse Abneigung gegen große Gewässer. Unter der Dusche stehen war eine angenehme Beschäftigung, doch ein großer See oder hier das Meer erweckten ein unangenehmes Gefühl in ihr.
Ihr Handy klingelte. „Vera“ – „Wenn Du erfolgreich sein willst und das kannst Du nur in Zusammenhang mit Otto sein, so musst du deine Scheu vor dem Wasser überwinden. Es kann dir nichts anhaben.“ Bevor sie noch etwas antworten konnte, brach die Verbindung ab.
Zögernd erhob sie sich vom Badetuch, klemmte ihre Haare mit einem Gummiband zusammen und schaute, wo sie Otto im Wasser erblicken konnte. Er war schon einige Meter hinausgeschwommen, doch das sollte kein Problem sein. Sie war immer eine ausgezeichnete Sportlerin gewesen, sie würde ihn rasch einholen können. Am Strandufer zögerte sie aber dann doch, bevor sie einen Fuß eintauchte. Das Meer schien recht angenehm warm zu sein. Sie fand es faszinierend, wie man durch zwei Meter Wasser bis auf den Grund sehen konnte. Die Sonne spiegelte sich in den Wellen und die brechenden Lichtstrahlen erzeugten interessante Muster. Zuerst dachte sie, dass die Muster ganz ähnlich dem Züngeln von Flammen wären, doch die Dynamik war eine andere.
Entschlossen watete sie die ersten paar Meter, bis sie in den Bereich kam, in dem man schwimmen konnte. Dort angekommen, legte sie mit kräftigen Kraulbewegungen los und hatte in wenigen Minuten Otto erreicht. Der hatte keine Ahnung, was es sie für eine Überwindung gekostet hatte. Von dem Anruf konnte er natürlich auch nichts wissen.
„Jetzt bist du ja doch gekommen. Hast du deine Wasserscheu abgelegt?“ – Vera ließ sich nichts von ihrer Unsicherheit anmerken. Sie lächelte und kraulte weiter. Otto versuchte, ihr zu folgen, aber so schnell konnte er nicht schwimmen. Bei einer Boje, welche zu der Abgrenzung des Schwimmbereichs gehörte, wartete Vera auf ihn. „Du hast ja einen gehörigen Zug drauf. Wie kannst Du so schnell schwimmen, wenn du eigentlich gar nicht ins Wasser gehen willst.“ – „Ich kann dir das jetzt nicht erklären. Später vielleicht einmal.“
Da Vieles an Vera geheimnisvoll erschien, ließ er nach mit seiner Frage. „Weißt du, vielleicht gehen wir heute schon früher vom Strand und auch früher zum Abendessen. Ein Kollege hat mir ein Restaurant hier empfohlen, welches immer sehr voll sein soll. Wir können zwar reservieren, aber besser ist es, wir gehen früh hin.“ – „Das ist ganz in Ordnung, wie heißt der Platz.“ – „Drei Linden!“ Otto fuhr fort: „Eigentlich ein Unding. Die Schwester meines Chefs hat mir einmal erklärt, dass Linden Einzelgänger oder Einzelbäume sind. Aber anscheinend gibt es im Gastgarten drei Linden. Wir werden ja sehen.“
Im Zimmer machte sich Vera für das Abendessen bereit. Sie zog sich zwanglos aus. Zwischen den beiden schien es keine erotische Anziehung zu geben, obwohl sie sich nicht unsympathisch waren. Irgendetwas schien jeden Gedanken an Sex auszublenden. Für Otto war das nicht unangenehm. Er empfand eher Erleichterung, sich nicht als Mann beweisen zu müssen. Vera hingegen fragte sich, ob sie so unattraktiv geworden war, dass Otto keine Anstalten machten, sie zu bedrängen. Aber sie fand seine Zurückhaltung andererseits auch ganz reizvoll. Das würde sich im Laufe der Zeit ergeben.
Jetzt spazierten sie einen Kilometer an der Strandpromenade zu dem Restaurant. Tatsächlich, da gab es drei Linden im Garten, welche den gesamten Gastbereich überdeckten. Otto bat sie, einen Fisch auszusuchen. Auf Eis lagen eine Reihe unterschiedlicher Fische, die auf Wunsch den Gästen zubereitet wurden.
Vera machte das Spaß. Sie hatte schon beim Betreten des Gartens entdeckt, dass auch ein Steinbutt ausgestellt war. Den möchte ich haben. Die Kellner sprachen englisch und manche auch deutsch. Als man bemerkte, dass sie deutsch miteinander sprachen, wechselte der Kellner und sprach sie auf Deutsch an. „Wie möchten Sie den Steinbutt?“ – „Was empfehlen Sie uns, wir lassen uns gerne beraten.“ – „Wir können ihn nach Art des Hauses zubereiten, allerdings dauert es ungefähr 40 Minuten. Doch ich kann Ihnen vorab unsere Fischsuppe empfehlen, dann werden sie die Wartezeit gerne in Kauf nehmen.“ – „Okay, dann wollen wir ‚die Art des Hauses‘. Und zwei Suppen. Und einen Vranac ProCorde.“ Vera kannte sich aus. „Wir haben den allerdings nur in kleinen Flaschen, die haben einen Viertelliter.“ – Gut, dann bringen Sie uns bitte zwei Flaschen. Und Mineralwasser mit Gas.“ – Otto lächelte zufrieden. Er schätzte es, wenn er nicht selbst bestellen musste. Vera wusste offensichtlich, was sie wollte.
Nach zwei Minuten kam der Kellner mit einer Platte, auf der der Steinbutt lag. „Sind Sie mit diesem Fisch einverstanden, wir haben auch noch andere, größere“ – Vera nickte: „Nein, der ist ganz ok.“
Während sie auf die Suppe warteten, hoben sie ihre Gläser. Otto lächelte: „Man könnte uns für ein Liebespaar halten.“ Vera blieb ernst aber stieß mit ihrem Glas an das von Otto. „Prost“ sonst antwortete sie nichts. Sie fühlte sich nicht wohl, aber gleichzeitig doch recht wohl. Das Ambiente des Restaurants und die Bestellung gefielen ihr und das Restaurant war wirklich ausgesprochen gemütlich. Der Umstand, dass alle Tische besetzt waren, zeugte davon, dass hier große Erwartungshaltungen gehegt wurden. Ihr Unwohlsein rührte allerdings vom Gefühl her, zu dieser „Partnerschaft“ gedrängt worden zu sein. Otto konnte sie keinen Vorwurf machen. Er wusste ja nichts von ihrem Horoskop und den Beweggründen, die ihren Urlaub veranlasst hatten. Vera selbst wusste auch nicht, worum es eigentlich ging.

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