Um fünf Uhr früh hatte er das Buch ausgelesen. Er konnte nicht mehr verstehen, warum er das Buch einmal so geschätzt hatte. Wahrscheinlich war das nur deswegen gewesen, weil es das erste Mal war, dass er etwas über Zeitreisen gelesen hatte. In der Zwischenzeit hatte er das Thema aber immer in der Weise behandelt gesehen, dass die auftretenden Paradoxa das Hauptproblem darstellten. Dagegen kam der Wells jetzt geradezu naiv daher.
Als er mit dem Buch fertig geworden war, hatte er ein ganzes Glas getrunken. Dementsprechend frisch fühlte er sich. Und da war noch etwas: er war tolerant geworden. Er hätte sich zu einer anderen Gelegenheit über die Zeit aufgeregt, die er für die Lektüre des Buches aufgewendet hatte. Diese Zeit hätte er für eine verschwendete gehalten. Doch sein derzeitiger Betrachtungswinkel war ein anderer geworden. Er überlegte, dass die komplexesten Sachverhalte und Entwicklungen in der Regel aus sehr einfachen Grundregeln entstanden waren. Jemand hatte hinter den Mustern der Komplexität die einfachen Zusammenhänge erkannt.
Er schlug sich zwei Eier in die Pfanne, wozu er normalerweise viel zu faul war und schaffte es, um halb sieben im Büro zu sein. Dort arbeitete er mit der neu gewonnenen Effizienz und hatte seine Aufgabe, für die zwei Tage vorgesehen waren, bis zu Mittag erledigt. Allerdings behielt er das für sich und behauptete, dass er den Nachmittag für Recherchen außer Haus benützen müsste. Sein Chef und seine Kollegen waren das schon gewöhnt. Manchmal verstanden sie überhaupt nicht, wie er arbeitete. Er verstand es ja selber nicht genau. Aber er brachte die Resultate. Sein Chef verstand genug, um zu erkennen, was ihm dies für Vorteile brachte. Er selbst war ein Joker, der jedes Problem stach.
Es war also kein Problem, dass er sich am Nachmittag seinen eigenen Recherchen hingab. Und die waren auf N.M. gerichtet.
Er fand fünf Einträge in den diversen Medien von Telefonbuch angefangen, bis zu Facebook, wo er es bereits in der Firma versucht hatte. Er ging bei der Suche recht direkt vor. Seine Anrufe fingen alle mit: „Guten Tag. Entschuldigen Sie. Haben Sie in W. Mathematik und Physik studiert?“
Die Reaktionen waren unterschiedlich, doch beim vierten Anruf war die Antwort fast schon eine Bestätigung: „Und warum glauben sie, dass ich immer noch den gleichen Namen habe?“ – „Nun es war die erste Strategie, die ich verfolgen konnte. Es ist natürlich nicht sehr wahrscheinlich gewesen, dass Ihr Nachname gleich geblieben ist. Aber eine Chance hat es gegeben.“ Am anderen Ende der Leitung hörte er ein verhaltenes Lachen. Vera erzählte ihm, dass sie vor zwei Jahren geschieden worden war und bei der Gelegenheit nicht nur ihren Mädchennamen wieder angenommen hatte, sondern auch ihren ersten Namen, der eben nicht Nina sondern Vera war. Allerdings war sie in allen Medien noch mit Nina vermerkt, sodass es sozusagen ein doppeltes Glück war, dass er sie wirklich ausfindig machen konnte.
„Und was willst Du jetzt von mir? Bist leicht einsam geworden und erinnerst dich der alten Bekannten?“ Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er hatte nie besonders auf die Attraktivität von Frauen geachtet. Jetzt fiel ihm ein, dass N.M. oder besser V.M. ja recht attraktiv gewesen war. Vielleicht war sie es noch. Vm konnte er sich sowieso leichter merken. Ein Freund aus alten Zeiten wurde in der Abkürzung nur vm genannt. [Anmerkung des Herausgebers: an dieser Stelle erkennt man den autobiografischen Einschlag ganz genau.]
„Wie gut sind denn deine physikalischen Grundkenntnisse erhalten geblieben?“ – „Frag mich was!“ – „Ist die Zeit stetig?“ – „Na, jetzt hör einmal auf! Wenn Du dich wirklich über so etwas unterhalten willst, musst du mich in ein erstklassiges Lokal ausführen, mich betrunken machen und vielleicht kannst Du mich dazu bringen, mich mit dem Thema zu beschäftigen.“ Sie lachte noch einmal. „Normalerweise rufen mich Männer an, die mit mir schlafen wollen. Du bist schon ein komischer Irrer. Also wo willst Du mich treffen?“ – Wann hättest Du denn Zeit.“ – Wenn Du willst, heute. Aber so kenne ich dich ja gar nicht.“
Er musste ein bisschen Zeit gewinnen: „Heute ist wunderbar, aber ich muss mir noch überlegen, wo wir einen Platz bekommen, wo wir ungestört reden können. Ich rufe dich in fünfzehn Minuten wieder an. Passt das?“ – „Also heute jedenfalls.“
Wohin sollte er sie einladen? Er wusste nicht, wen er anrufen konnte. Er setzte sich in ein Cafe mit Internetplätzen und surfte ein bisschen herum. Es war leichter, als er gedacht hatte. Da gab es Plattformen mit Kritiken und für ihn war es relativ leicht, eine Auswahl von drei Lokalen zu treffen, bei denen er sich sicher war, dass sie ihre Ansprüche erfüllen würden.
Es war seine Art, dass er, bevor sie auswählen würde, überall anrief, ob man noch reservieren könne. Als er ihr dann die möglichen Plätze nannte, wählte sie –das Schmunzeln konnte man durch die Telefonleitung nicht erkennen – das billigste der drei. „Neunzehn Uhr ist ok?“ – „Wunderbar, wir treffen uns im Lokal, ich reserviere unter meinem Namen.“
Jetzt hatte er noch etwas Zeit bis zum Abend und die musste er nutzen, weil sich ein Problem ergeben hatte. Was machte er mit dem Wasser. Er konnte es ja nicht umfüllen. Er beschloss, es einfach in seine Aktentasche zu packen. Das war eine wunderschöne, ererbte, lederne Tasche, ähnlich, wie sie Ärzte hatten, mit einem Boden der breit war. Er stopfte den Boden mit Zeitungspapier so aus, dass das Glas darin stabil gehalten war. Die Sorge war überflüssig, es würde nicht ausrinnen.
Plötzlich wurde ihm bewusst, wie unsinnig er gerade handelte. Da steuerte er auf ein Rendezvous zu, bei dem es ihm nur um die Frage ging, ob Zeit kleine Lücken hatte, und jetzt beschäftigte er sich mit einer dilettantischen Lösung für etwas, was sowieso nicht drohte, nämlich dass das Wasser ausflösse.
Es fiel ihm ein, dass es viel praktischer wäre, wenn das Wasser in einer Trinkflasche aufbewahrt würde, wie sie die Radfahrer verwenden. Normalerweise verschlossen, was ihm ein viel sichereres Gefühl vermitteln würde und trotzdem jederzeit verfügbar.
Obwohl er wenig Hoffnung hegte, fasste er den Entschluss, am nächsten Tag eine derartige Flasche zu kaufen und das Umfüllen zu versuchen.

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