Gedämpfte Lichter von vorbeiziehenden Häusern, Autos und Signalen belebten die Inneneinrichtung des Wagenabteils, welche sich in den teilweise beschlagenen Wagonscheiben wiederspiegelte. Der Wagon war noch einer von der alten Sorte mit den geschlossenen Abteilen mit sechs Sitzplätzen in der ersten Klasse und das Abteil war bis auf einen älteren Herrn leer.

Dieser befand sich auf einer Rückreise von München, wo er an einem Familienfest teilgenommen hatte, nach Wien und er war nur deswegen allein, weil ihn seine noch immer anhaltende Berufstätigkeit gezwungen hatte, dorthin zurückzukehren anstatt seine Frau auf ihrer weiteren Reise nach Norddeutschland zu begleiten. Das Alleinsein während der Fahrt störte ihn nicht, da er es immer genossen hatte, ihm Zugabteil zu sitzen, wildfremde Leute in eine Konversation zu verwickeln oder es sich im Speisewagen gutgehen zu lassen. Außerdem gehörten die Erinnerungen an Zugreisen von Linz nach Wien zu den ältesten, an die er sich zurückerinnern konnte. Als Vierjähriger war er manchmal mit seinen Eltern auf Verwandtenbesuch nach Wien gefahren und er glaubte sich erinnern zu können, dass die Fahrt damals vier Stunden gedauert hatte. Einen unbedingten Zwischenstopp gab es in Enns, wo der Zug die amerikanische Zone verließ und offensichtlich ein Wechsel der Alliierten-Begleitung stattfand.

In Amstetten war der Wechsel von Linksverkehr auf Rechtsverkehr und als Kind war er immer bemüht zu entdecken, wann der Zug plötzlich die Geleise wechselte. Diese Erinnerungen kehrten zurück, sobald er auf dieser Strecke fuhr und eigentlich wunderte er sich, wie wenig sich geändert hatte. Kurz nach Linz machte er sich auf den Weg in den Speisewagen, wo die Kellner bereits den Eindruck des Aufräumens machten. Da er dies als ungemütlich empfand, trank er nur eine kleine Flasche Bier und kehrte in sein Abteil zurück.

Dieses war nun nicht mehr leer. Ein Paar um die fünfzig herum, soweit man sich auf eine solche Schätzung noch einlassen konnte, gutaussehend, hatte die Gangsitze eingenommen. Als er das Abteil betrat, grüßte der Mann freundlich mit einem österreichisch klingenden „Guten Abend“, während die Frau nur höflich nickte.
Der Mann saß in Fahrtrichtung und damit parallel zu ihm, während er die Frau schräg gegenüber beobachten konnte. Er sah nicht mehr so gut. Er hatte schon vor Jahrzehnten eine Brille verschrieben bekommen, als seine Augen durch lange Bildschirmtätigkeit kurzsichtig geworden waren. Als die erste Brille durch Einwirkung ihres damaligen Hundes kaputtgegangen war, hatte er allerdings nie mehr für Ersatz gesorgt.

Die beiden kamen ihm bekannt vor, aber er hatte keine Idee, wer sie sein könnten. Er versuchte durch die Tür auf die gegenüberliegende Aussicht aus dem Wagonfenster zu sehen und gleichzeitig etwas von seinen Mitreisenden zu erkennen.
Der Begleiter machte einen sympathischen Eindruck. Kurze leicht ergraute Haare auf einem bartlosen sonnengebräunten Gesicht von ovaler Form und interessierte blaue Augen ließen auf eine am Leben teilnehmende Gegenwart schließen. Eine braune Weste und eine hellbraune Hose vermittelten einen Freizeiteindruck. Er lehnte entspannt im Sitz zurück und beobachtete die vorbeigeisternde Landschaft.
Der Mann blickte vom Gangfenster weg auf seine Seite und machte eine kurze Pause, bis er sich wieder in die Richtung wandte, um diesmal die Frau zu untersuchen. Natürlich interessierte ihn die Frau vielmehr, aber er glaubte auf diese Weise vorgeben zu können, dass sein Interesse ganz anständig und geschlechtsneutral sei.
Die Frau war ebenfalls lässig gekleidet, in Hosen und einer engsitzenden dunkelblauen Bluse, worüber sie eine Weste trug. Sie schien sportlich trainiert zu sein und ihre kurzen, dunklen Haare waren durch ein Stirnband zusammengehalten. Sie blickte ihn nicht an und trotzdem hatte er das Gefühl, dass sie merkte, wie er sie musterte. Er war aber darüber erstaunt, dass noch eine andere Empfindung wach wurde. Er fühlte sich belächelt und etwas nachsichtig toleriert.
Er wurde unsicher. Es hatte Zeiten in seinem Leben gegeben, da er unzählige Menschen gekannt und auch wiedererkannt hatte. Wurde er wiedererkannt? Sie erinnerte ihn an jemanden, aber diese Erinnerung war eine zwiespältige. Er wusste nicht, ob es eine gute oder eine schlechte Erinnerung war. Er wurde sich bewusst, dass etwas in seiner Vergangenheit unabgeschlossen abgeschlossen worden war. Wenn da etwas gewesen war, woran er sich jetzt nicht erinnern konnte, war es vielleicht peinlich, in Gegenwart eines Begleiters eine prüfende Frage zu stellen. Er dachte sich, vielleicht erkennt sie mich wieder und gibt mir ein Zeichen aber selbst dann weiß ich nicht, wie ich reagieren soll. Er hatte plötzlich ein furchtbar schlechtes Gewissen. Plötzlich geisterte ein Name in seinem Hirn und eine fürchterliche Gewissheit wurde in ihm wach. Wenn sie es war, dann erlebte er jetzt nach zwanzig Jahren eine Konfrontation mit, von der er behauptet hatte, dass sie ihm nichts ausmachen würde, von der er aber jetzt wusste, dass sie einen bestimmten Verlauf der Geschichte festlegte, besiegelte, einen Verlauf, der abschließenden Charakter hatte. Er hatte damals gedacht, dass ihre Ansprüche zu groß waren, dass sie allein bleiben würde. Aber jetzt saß sie hier in diesem Abteil, nicht allein, und wie von Minute zu Minute deutlicher wurde, in einer sehr liebevollen Übereinstimmung mit ihrem Partner, in einer Vertrautheit, die er mit ihr nie hatte erreichen können.

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie so direkt anspreche, aber sind Sie vielleicht Frau Dr. E.?“ platzte er plötzlich heraus, in der Art, in der er früher alle möglichen und unmöglichen Fragen gestellt hatte. Diese Angewohnheit hatte ihm das Alter abgenommen, aber jetzt verursachten die Umstände einen kompletten Tumult seiner Gefühle.

Sie lächelte mit einem verneinenden Nicken, während ihr Begleiter sehr freundlich und lachend antwortete: „Sie müssen entschuldigen, dass wir Ihre Frage belächeln. Wenn Sie Dr. E. E. meinen, dann passiert das nicht zum ersten Mal, meine Frau wird häufig mit ihr verwechselt.“

„Heißt das, dass sie die tatsächliche E. E. wirklich kennen?“ — „Ja, wir haben häufig mit ihr zu tun gehabt, als wir noch in Brüssel gelebt haben.“ Die Frau schien sich ein bisschen in sich hinein zu verkriechen, während der Mann fortfuhr: „Wenn Sie sie kennen, müssen Sie doch über Ihre Laufbahn in Brüssel unterrichtet sein?“
Ein Schwall von Erinnerungen überfiel den älteren Herrn. Da war von politischer Laufbahn die Rede gewesen, von Arbeiten in einem größeren als nationalen Kontext. Er hatte nie mehr von ihr gehört, als er sie damals vor zwanzig Jahren aus den Augen verloren hatte.

„Bitte erzählen Sie mir, was Sie wissen. Ich kannte Dr. E. von ihrer Zeit in Wien und habe sie total aus den Augen verloren.“ –

„Nun, da gibt es einerseits sehr viel und anderseits sehr wenig zu erzählen. Sie war in Brüssel EU-Kommissarin und hat in wirtschaftlich sozialen Bereichen gearbeitet. Soviel ich weiß, hat sie die letzten zehn Jahre sehr großen Erfolg gehabt, hat aber im letzten Jahr plötzlich beschlossen, ihre Arbeit aufzugeben um sich ausschließlich dem Privatleben zu widmen.“ —
„Ja, und lebt sie jetzt noch in Brüssel?“ —
„Nein, sie hat Brüssel den Rücken zugekehrt und lebt jetzt irgendwo in Europa.“ —
„Bitte, erzählen sie doch weiter!“ —
„Nun, ich kann Ihnen jetzt keine weiteren Details liefern! Aber wenn Sie interessiert sind, können Sie sich ja die EU-Unterlagen ausheben. Glauben Sie mir, Sie ist dort eine sehr bekannte Persönlichkeit.“
„Ah, ich bedanke mich vielmals bei Ihnen, bitte entschuldigen Sie meine neugierige Frage, aber es ist doch ein wirklicher Zufall, dass Sie sie auch tatsächlich kennen.“
„Ja, das sind die netten Zufälle, die einem so oft im Zug begegnen. Fahren Sie nach Wien?“
„Ja, und Sie?“
„Wir werden in St. Pölten aussteigen. Freunde warten dort auf uns mit ihrem Wagen und bringen uns auf den Semmering. Wir wollen ein bisschen die Natur genießen und wandern.“

„Im Herbst ist es dort wunderschön, ich wünsche Ihnen gutes Wetter für Ihr Vorhaben.“ Der ältere Herr lehnte sich zurück und fühlte sich sehr erschöpft. War es das Bier, oder war es die plötzliche Konfrontation mit der Vergangenheit. Mit E. war er im Frühjahr am Semmering gewesen. Frühjahr – Herbst, was macht das für einen Unterschied. Er drückte seinen Kopf an das Seitenpolster und schlief ein.

Als er wieder erwachte, war das Abteil leer. Der Zug fuhr gerade durch Purkersdorf und die ersten Vororte von Wien.

Ein Taxi brachte ihn nach Brunn, einem kleinen Ort außerhalb Wiens. Sein Haus war leer aber warm. Die Bedienerin hatte die Heizung hochgestellt und im Kühlschrank noch belegte Brote hergerichtet.

Am nächsten Tag stand er zeitig auf und erledigte eine ganze Reihe von Telefonaten noch im Schlafrock. Seine reale Welt hatte ihn wieder eingeholt Seine Frau rief aus Hamburg an und übermittelte Grüße von den dortigen Verwandten. Am Nachmittag hatte er einen Termin, bei dem sein Geschäftspartner zu ihm nach Hause kam. Um sechs Uhr gingen sie gemeinsam ins Dorf, um bei einem sehr netten Wirt zu schmausen. Ein paar Achterln Wein ließen das Leben in Wien und Umgebung als äußerst liebenswert erscheinen.

Als er nach Hause zurückkehrte, erinnerte er sich plötzlich an die Zugfahrt und an die induzierten Erinnerungen. Er setzte sich an den Computer und begann zu suchen. Der Mann im Zug hatte recht gehabt. Dr. E. war eine bedeutende Persönlichkeit Er begann die Dokumente zu lesen, die ihre Arbeit behandelten. Aus der Abfolge der realen Fakten begann er zu erkennen, dass sie ihre Ziele und Ankündigungen sehr konsequent durchgesetzt hatte. Sie war offensichtlich eine „Macherin“ und hatte anscheinend genügend Freunde, um ihre Vorstellungen in dem trägen Apparat der EU-Bürokratie durchsetzen zu können.

Bei einem älteren Dokument war ein Bild von ihr beigefügt, auf dem er sie leicht wiedererkannte. Ihre Haare waren noch lockig und sie hatte jenen Ausdruck im Gesicht, der sie als so gesittet und zurückhaltend erscheinen ließ, als könnte sie nie eine grundlegende Änderung einleiten. Er durchkämmte die Dokumente nach weiteren Bildern. Spätere Aufnahmen ließen sie als bestimmter erscheinen. Sie kam ihm etwas fremder vor. Im Frühling des Jahres 20.. rissen die Dokumente plötzlich ab. Ihr letzter Posten war durch einen Mann nachbesetzt worden.

Er ging die Biographien der Brüssel-Beamten durch. Er erkannte Teile ihrer Geschichte aus früheren Curricula wieder. Keine privaten Details waren angegeben. Nach dem Frühjahr 20.. war sie offensichtlich verschollen. Er erinnerte sich an ein paar alte Tricks und programmierte eine Suchabfrage, die über ungefähr dreißig Suchmaschinen sogar entfernte Charakteristika ihrer Persönlichkeit enthielten. Personen aus ihrem Umfeld, Detail aus ihrem Lebenslauf, Gruppen aus ihrer alten Ausbildungszeit. Er startete die Suche und legte sich schlafen.

Als er am nächsten Morgen erwacht, frühstückt er in aller Ruhe und setzt sich erst anschließend an seinen Computer. Das Ergebnis der Suche ist äußerst mager. Anscheinend hat sie alle privaten Referenzen auf sich unterdrückt. Es gibt allerdings eine Ergebniszeile: „Der österreichische Schriftsteller K.K. feiert auf der Frankfurter Buchmesse die Neuerscheinung seines Romans „Leben der Anderen“, ein belletristisches Werk, das auch in der Dokumentation angesiedelt sein könnte. K.K. lebt in Zell am See und ist mit Dr. E.E. verheiratet.“

Eine Suche nach K.K. ergibt ein Bild eines sehr sozial engagierten und arrivierten Schriftstellers, dessen Werke, mittlerweile in siebzehn verschiedene Sprachen, darunter auch Englisch und Spanisch, übersetzt sind. Die ersten Werke erschienen unter einem Pseudonym und es umgibt diesen Schriftsteller ein gewisses geheimnisvolles Flair, womit er plötzlich als unmittelbarer Zielpunkt des Interesses erscheint.

Der suchende Mann, der sich in den letzten Jahren hauptsächlich mit Computerarchitektur und seinen Hobbies beschäftigt hat, hat nichts von dem Schriftsteller gelesen, kann sich aber erinnern, dass er öfters in der Presse erwähnt war.

Sonst ist nichts zu finden. Am nächsten Tag besucht er seinen kulturellen Geselligkeitsverein und fragt einen Freund nach dem Schriftsteller. Der verspricht ihm zu helfen und am nächsten Tag gibt es eine ausführliche Dokumentation über den Schriftsteller im email-Eingang. Diese Dokumentation beinhaltet ein Bild des Schriftstellers. Es ist eindeutig, der Schriftsteller ist mit dem Begleiter aus dem Zug identisch. Wenn das der Fall ist, heißt das, dass es doch sie im Zug gewesen sein muss. Wie konnte er so blind sein? Hat er sich lächerlich gemacht? Plötzlich überfällt ihn die Scham, dass der erste Gedanke seiner Eitelkeit frönt.

Dr. E. E. — E. Er hat die Gedanken an sie verbannt. Hat er sie verlassen? Hat sie ihn damals verlassen? Er weiß es nicht mehr. Es gab da etwas ungemein Wertvolles, dass er nicht fassen konnte. Als wäre er ein Goldschmied, dem man einen wunderschönen Edelstein in die Hand drückt, um daraus einen Ring zu machen, der sein Handwerk nicht ausreichend versteht. Er fühlt eine ungeheure Schuld. Etwas wurde nicht getan, eine Rechnung wurde nicht beglichen. Er hätte etwas tun müssen. er hätte …
Sein rechter Mundwinkel fällt etwas herunter. Er fühlt sich plötzlich ganz schwach. Er fühlt einen leisen Schmerz.

Er liegt im Bett, im Mödlinger Krankenhaus. Die Bedienerin, die einen eigenen Schlüssel zu seinem Haus hat, hat ihn am Boden liegend aufgefunden und die Rettung verständigt. Seine Frau sitzt an seinem Bett und hält seine Hand.
Es geht ihm gut. Er bewegt seine Zehen und seine Hand und versucht sich an ein Musikstück zu erinnern. Es ist nichts gebrochen und er hat auch keine Lähmungserscheinungen. Seine Frau scherzt mit einem traurigen Unterton, dass er wohl nicht auf sich alleine aufpassen könnte. Aber aus ihren Augen spricht die Erleichterung, dass er keine ernsthaften Schäden davongetragen hat. Von seiner Zugbegegnung weiß sie nichts. Sie hat damals schon von E. gewusst, ohne sie gekannt zu haben. Aber die Tiefe der Beziehung zu E. wurde nur erahnt, nie wirklich ausgesprochen oder diskutiert. Er hatte sich verkrochen und sich jegliche Kommentare verbeten. Sie wusste, dass es besser war, ihn in solchen Momenten nicht anzurühren. Er würde selber damit fertig werden oder von selber aus sich herausgehen.
Er kommt nach Hause. Weihnachten und Neujahr werden beschaulich gefeiert. Es gibt keine Arbeit, da er offiziell im Krankenstand ist. Er beschäftigt sich mit Musik und mit Lesen. Er freut sich, dass er noch Klavierspielen kann. Er erinnert sich, dass
sein Vater mit dreiundachtzig Jahren zum Spielen aufgehört hat. Es bleiben ihm also noch einige Jahre.

Ende Jänner, kurz nach der Geburtstagsfeier für seine Frau kommt ein Brief aus Fuschl.

Er ist mit dem Computer geschrieben.

Mein Lieber,
ich habe mich immer gefragt, ob es wirklich möglich wäre, dass Du mich nicht mehr erkannt hast. Ich muss darüber lächeln, wenn ich an Deine Liebesschwüre und Ewigkeitsbeteuerungen denke. Dabei hattest Du mit manchem recht, was Du damals behauptet hattest. Mein Mann weiß viel von Dir, denn es war nicht möglich, das vor ihm geheimzuhalten, was einmal die stärksten Emotionen in mir ausgelöst hat. Er hat in gewissen Dingen Ähnlichkeit mit Dir, aber er war – glaube ich – enttäuscht, als er Dich in Wirklichkeit gesehen hat.

Er meint auch, wenn nur ein bisschen von dem wahr wäre, was Du mir damals erzählt hast, so müsstest Du dich in den letzten drei Monaten gemeldet haben. Du hast rüstig ausgesehen und eigentlich habe ich gemeint, dass Du am nächsten Tag anrufen wirst.

Du wirst dich fragen, warum ich Dir heute schreibe. Du weißt, dass ich nicht beabsichtige, dass sich irgendjemand durch meine Aktionen schlecht fühlt, aber ich fühle mich ein bisschen schuldig, dass ich mich im Zug verleugnet habe.

In Deinen Augen konnte ich ein bisschen von der Sehnsucht lesen, mit der Du mich einst angeblickt hast. Und so erfährst Du heute, dass Du wirklich mit mir im Abteil gesessen hast. Und ich schreibe Dir, dass ich mich sehr gefreut habe, Dich wiederzusehen.

Vieles von dem, was Du gesagt hast, ist wahrgeworden und ich bin glücklich mit dem, was heute ist und geschieht. Meinen Beruf habe ich aufgegeben, um ganz mit meinem Mann zusammen zu sein. Erinnerst Du dich noch an meinen Vermieter in Wien?

Ich wünsche Dir ein angenehmes Leben und bleibe

in Freundschaft Deine
…“

Der Mann lehnt sich zurück und denkt verwundert über den Brief nach. Er versteht kein Wort. Den Vorfall im Zug und alles darum herum hat er vollkommen vergessen. Ja, seine ganze Erinnerung an Vergangenes ist durch seinen Schlaganfall in Mitleidenschaft gezogen worden. Wer ist E.?

Er ist allein. Seine Frau ist bei ihrer Tochter zu Besuch. Er geht zur Toilette und legt sich anschließend nieder. Er schläft ein bisschen. Seine Frau kommt nach zwei Stunden nach Hause zurück.

Entsetzt ruft sie ihre Tochter an.


  1. punctum

    Eine sehr schöne und spannende Zuggeschichte. Ich kann mir auch gut die Atmosphäre vorstellen, die vorbei fliegenden Lichter, das Gedankenspinnen. So ein leiser Schmerz der Erinnerung an eine vergangene Liebe bleibt wohl immer, gerade wenn man das Gefühl hat, etwas Besonderes verpasst zu haben. Deine Geschichtet inspiriert jedenfalls zum Nachträumen. (Muss mal wieder mit dem Zug fahren …)

    • Die Geschichte ist in einer gewissen Weise anti-autobiographisch. Sie hat sich nämlich nicht so zugetragen sondern beschreibt ein Alternativ-Szenario. Doch die Eindrücke während der Zugfahrt, die Anknüpfung von Gesprächen, die im Zug ganz anders als sonstwo verlaufen, die sind schon sehr stark an eigene Erfahrungen angebunden…

  2. Chapeau, eine wunderbare Geschichte über Gestern, Heute, Endlichkeit und das Mitnehmen.

    • Danke. Ich freue mich, wenn die Geschichte anderen gefällt. Ich habe sie lange Zeit nur für mich behalten, weil ich sie ursprünglich nur für mich geschrieben hatte. Als ich sie jetzt beim Aufräumen fand, dachte ich, dass sie durchaus für sich allein stehen kann.

  3. Real-Irreal-Fiktional-Utopie[al]
    Ich konnte mich kaum noch losreissen aus der Geschichte, hätte gern weiter gelesen, so wie man in manchem Zug ewig weiterfahren könnte, wenn er mal richtig Fahrt aufgenommen und eine Stunde lang gleichmäßig dahin rollt…über einsame Landschaften… und man im Zugabteil allein ist… plötzlich rumpelts… man schreckt auf… hat man nur geträumt? Oder war die Geschichte echt? Steht sie in dem Buch da, das zusammengeklappt auf den Boden fiel, während des Einnickens.

  1. 1 Zugfahrt « Das 37. Jahr

    […] gibt von mir mehrere Geschichten, die im Zug spielen. Diese war meine erste. Eine Zugfahrt Gefällt mir:LikeSei der Erste, dem dieser post […]




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