Er machte sich auf den Weg. Er fuhr mit der Straßenbahn ein paar Stationen und ging dann noch zehn Minuten zu Fuß, weil er nicht beim Umsteigen warten wollte. Er hatte gar nicht auf das Wetter geachtet, weil die Temperatur so angenehm erschien und der Himmel einen hellen Eindruck machte. Doch gerade als er das Restaurant in Sichtweite hatte, sah er die Reflektion eines Blitzes in einem der Schaufenster und fast unmittelbar darauf einen Donnerschlag. Als er hinaufschaute, sah er einen pechschwarzen Himmel. Er hastete den verbleibenden Weg und gerade als er die Tür zum Restaurant öffnete, hörte er das beginnende Prasseln der Regentropfen.
Wie bereits erwähnt, war er weder dem Okkultismus noch einer anderen Esoterik zugeneigt. Jetzt allerdings fragte er sich, um diese merkwürdige zeitliche Koinzidenz des Gewitters mit dem Erreichen des Restaurants etwas zu bedeuten hatte.
Er hatte aber wenig Zeit, darüber nach zu denken, denn Vera winkte ihm von einem Tisch heftig zu. Sie war schon früher gekommen.
„Das Wetter war mir zu unsicher, daher wollte ich sicher gehen, dass ich nicht nass werde. Und deswegen bin ich jetzt schon hier. Du hast es ja auch gerade noch geschafft.“
„Grüß dich, ja, das ist schon ein Wahnsinn.“ Besonders geistreich war das nicht als Begrüßung von seiner Seite, aber er war von ihrer Erscheinung überwältigt. Irgendwie hatte er sich nicht vorstellen können, dass Frauen in seinem Alter so jung, so hübsch, gleichzeitig so dynamisch und energiegeladen wirken könnten. An ihre Stimme konnte er sich augenblicklich erinnern. Das war eine tiefe Altstimme, die sie schon als Studentin besonders ausgezeichnet hatte.
„Jetzt kannst Du mit dem Anstarren schon aufhören.“ lächelte sie. Offensichtlich war ihr das damit sehr ungeschickt ausgedrückte Kompliment nicht unangenehm. Sie schien sich ein bisschen über ihn lustig zu machen. „Was wollen wir trinken? Ich hätte ja ganz gerne einen Rotwein. Du auch?“ Es durchfuhr ihn ein Schrecken. Durfte er überhaupt etwas anderes trinken? Durfte er Alkohol zu sich nehmen? Dann fiel ihm aber ein, dass er zuhause ja auch schon dem billigen Bordeaux zugesprochen hatte. „Ja, ich hätte gerne einen Bordeaux.“ Sie schmunzelte und wandte sich an den Kellner, der gerade vorbei kam. „Könnten Sie uns bitte die Weinkarte bringen?“
Er fühlte sich unwohl. Nein nicht unwohl, fehl am Platz. Nein, nicht fehl am Platz. Er fühlte sich außer sich. Das war nicht er, der da saß. Er konnte die Menschen im Lokal sehen, die teils unverhohlen das seltsame Paar beäugten. Was hatte diese Frau mit dem Mann zu tun. Star und Manager hätten vom Erscheinungsbild her gepasst, doch wie ein Manager wirkte er nicht. Er wirkte wie ein Nerd, allerdings sind Nerds nicht zweiundfünfzig Jahre alt oder sie werden es nicht, ohne entweder in einen Althippie oder einen Spießbürger zu mutieren.
Doch er, der er sich nicht für die Frau, für ihre Person, ihre Persönlichkeit interessierte, sondern lediglich eine Frage beantwortet haben wollte, er war der Inbegriff des Nerds.
„Pass auf! Ich habe nicht vergessen, was Du mich gefragt hast. Wir werden darüber sprechen. Doch zuerst reden wir einmal darüber, was wir essen werden, was wir so machen, was wir erlebt haben. Und dann beim Dessert können wir uns deiner hochgeistigen Frage widmen.“ Der letzte Satz hätte spöttisch klingen können, tat es aber nicht. Im Gegenteil, ihr Gesicht hatte momentan eine Art Verdunklung erfahren, als hätte eine Wolke einen Schatten geworfen.
Nach und nach taute er auf. Als er sich entschuldigte, um die Toilette aufzusuchen, nahm er seine Tasche mit. Das Glas war fällig. Als er an den Tisch zurück kam, war er ein anderer. Jetzt wirkte er frisch. Er konnte sich an alles erinnern, was sie ihm aus ihrem Leben erzählt hatte und das eigentliche Thema war ihm zu Bewusstsein gekommen. Diesmal ergriff er die Initiative: „Du warst doch als Studentin so von Crépe Suzette begeistert, wollen wir uns die bestellen?“ „Unbedingt. Weißt Du denn, ob wir das hier kriegen?“ Er verließ den Tisch noch einmal und fing einen Kellner ab, der direkt aus der Küche kam. „Sagen Sie, könnten wir Crepe Suzette bestellen. Das würde uns so viel bedeuten?“ Der Kellner lächelte: „Der Koch kann das schon machen, doch am Tisch zubereiten können wir das hier nicht. Aber wenn Sie wollen, dann bereiten wir es in der Küche zu. Anzünden können wir dann beim Servieren.“ – „Wunderbar. Ja dann bestellen wir das!“
Er kehrte an den Tisch zurück, strahlte Vera an: „das habe ich jetzt hinbekommen, die Crépes bekommen wir. Und jetzt sag mir bitte, ob die Zeit stetig ist!“

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