Ungewollter Chauvinismus

Es wird wenige Menschen geben, die mir hinsichtlich klassischer Musik Chauvinismus oder Nationalismus vorwerfen können. Es gibt einige berühmte Komponisten, die mir nicht so gut gefallen, oder besser gesagt, von denen mir ihre berühmten Werke nicht so gut gefallen. Dazu gehört Verdi, dessen Traviata mir überhaupt nicht zusagt, das Requiem hingegen sehr. Bei Wagner wiederum gefallen mir die ersten drei Opern nicht sonderlich, während man mich sonst als echten Wagnerianer bezeichnen könnte. Ich mag auch z.B. lieber Moussorgsky als Tschaikovsky. Aber mittlerweile bin ich auch in der Musik, die ich selber spiele, weit über die Wiener Klassik hinaus gekommen.
Als ich mein Bewerbungsgespräch bei Bösendorfer führte, wurde mir aufgetragen, fünf französische Komponisten zu nennen. Ravel, Debussy, Berlioz, Satie, Saint Saens kamen wie aus der Pistole geschossen. Fauré, Franck, Messaiens wären mir auch noch eingefallen und vermutlich auch noch Couperin und Rameau. George Onslow war mir gänzlich unbekannt.

Als man mir nahelegte, doch in einem Klavierquintett von Onslow mit zu spielen, in einer Art Jam Session mit Musikern, die ich bisher noch nie gesehen habe, versuchte ich erst ein paar Muster aus youtube zu holen. Obwohl gerade von dem Quintett op 79 bis (was das bis bedeutet, habe ich noch nicht heraus bekommen) keine Aufnahmen existierten, waren die restlichen Muster durchaus geeignet, bei mir Lust zu erwecken. Und so schwer wirkte der Klavierpart dann auch nicht in den angespielten Stücken.
Ich sagte also zu. Als ich die Noten in die Hand bekam, sah die Welt auch noch vollkommen in Ordnung aus. Erst beim Spielen merkte ich, was ich mir da „angetan“ hatte. Eigentlich muss ich jeden Lauf auswendig können, so ungewohnt sind manche Wendungen. Wenn Klavierschüler über Czerny jammern, vergessen sie ganz, dass er ihnen erspart, die gleichen Läufe später für Beethoven zu üben. Doch einen französischen Czerny, der einen auf Onslow vorbereitet kenne oder kannte ich nicht. Jedenfalls übe ich jetzt schon einen Monat und werde vermutlich die restlichen eineinhalb Monate noch sehr stark damit beschäftigt sein. (Im Vergleich dazu brauche ich für den Brahms nur einen Monat und für das Forellenquintett von Schubert nur vierzehn tage.)
Jetzt kann man von einen Quintett, von dem man nur den Klavierpart spielt und kennt, ja nicht einen wirklich vollständigen Eindruck gewinnen. Auf einer Internetseite werden die einzelnen Satzanfänge mit Proben zur Verfügung gestellt. Aufgrund dieser Proben kann ich mir den Rest dann schon viel besser vorstellen.
Jetzt ist meine Neugier geweckt. Die ersten Auskünfte bekomme ich auf Wikipedia, dann gibt es noch die bereits erwähnte Onslow-Seite.
Aus Wikipedia erscheinen folgende Sätze zitierenswert:

    • Er gilt als wichtigster Instrumentalkomponist seiner Generation in Frankreich.

      Mit seinen Symphonien und seiner Kammermusik konnte der Komponist besonders in Deutschland viele Anhänger für sich gewinnen, doch auch in seiner Heimat galt er bald als der „französische Beethoven“.

      1846 dirigierte Felix Mendelssohn beim Niederrheinsichen Musikfest Aachen in Onslows Anwesenheit die Ouvertüre von dessen Oper „Le Colporteur ou l’Enfant du Bûcheron“, 1847 weilte Onslow in Köln, wo in mehreren Konzerten ihm zu Ehren mehrere seiner Werke (u.a. seine 4. Symphonie) mit großem Erfolg aufgeführt wurden.

      Die letzten Lebensjahre Onslows waren von zunehmenden Depressionen und Selbstzweifeln überschattet, die noch dadurch verstärkt wurden, dass seine Werke von der sich entwickelnden Begeisterung für sein Vorbild Beethoven langsam aus dem Konzertleben verdrängt wurden.
  • Ich selbst bin ja erst von einem Franzosen auf ihn aufmerksam gemacht worden – im Alter von sechzig Jahren. Bei meiner Musikbegeisterung ist es allerdings trotzdem seltsam, dass er mir bisher durchtunneln konnte. Zugegeben, ich habe nicht Musik studiert. Vielleicht hätte ich dann von ihm hören müssen.
    Aber scheinbar scheint er auch sonst nicht besonders präsent zu sein.
    Die Moral von der Geschichte: nicht nur in der Musik, auch in der Literatur und vor allem auch in der Technik gibt es Artefakte, deren Schönheit oder deren Eleganz an Ideen heutzutage noch nichts verloren haben. Es liegt an uns, sie nicht zu vergessen.


    1. 1 Musik – George Onslow « Das 37. Jahr

      […] Komponisten entdeckt, den nicht zu kennen ich nahezu als Bildungslücke empfinde. Mehr darüber hier. LikeSei der Erste, dem dieser post […]




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