Es lief noch eine vierte Spur ab, eine übergelagerte, eine kontrollierende. Plötzlich verspürte er ein ganz intensives Gefühl des Überlegens. Es dachte in ihm. Er schlief nicht, aber wie in einem Traum mengten sich unterschiedliche Inhalte, die nichts miteinander zu tun zu haben schienen, ineinander. Sie verschlangen sich wie Fäden oder wie Kabel, die man nur ganz kurz außer Acht gelassen hatte, zu einer Art Rattenkönig. Gedanklich war es unmöglich sie wieder zu entwirren. Vielleicht benötigte man eine besondere Art der Traumdeutung. Er träumte nicht, oder wenn es ein Traum war, dann gab es da noch diese vierte Spur, die es ihm ermöglichte, sich beispielsweise aktiv an das soeben geführte Telefonat zu erinnern.
Vielleicht war das Telefongespräch eine Art Startsignal gewesen. Die spontan ablaufenden Überlegungen konnte er nur verschwommen erahnen. Aber er wusste, dass sich da etwas abspielte und er versuchte verzweifelt irgendetwas davon klarer zu sehen oder besser klarer denken zu können.
Eine leichte Angst stieg in ihm auf. Wurde er vielleicht verrückt? Er sollte nicht schlafen, doch Schlafdeprivation konnte durchaus Auslöser für psychisches Fehlverhalten sein.
Etwas rastete in seiner Wahrnehmung ein und er sah ein vollkommen scharfes Bild. Da war die Zeitlinie, die er beim ersten Ansehen des Films aufgezeichnet hatte – in seiner Erinnerung. Es gab eine Stundenskalierung, die von -5 bis 100 reichte. Es gab verschiedenfarbige Kurven, von denen die eine -5 anfing. Sie war rot und veränderte sich bei der Achsenbezeichnung 60 nach violett. Davor war sie gezackt, danach stieg der violette Ast steil in die Höhe. Eine weitere Kurve in braun fing erst bei 20 an und endete bei 60. Darunter gab es ein weiteres Bild, ähnlich dem ersten, allerdings waren die Farben anders und der Anstieg des violetten Asts war nicht so stark. Ab 60 ging eine gerade violette Linie nach rechts ansteigend weiter. Parallel dazu gab es eine weitere schwarze Gerade in der Grafik, die sich am parallelen Ast ausrichtete, aber viel höher verlief. Ihre Verlängerung nach links ging genau durch den Ursprung des Achsenkreuzes, an dem sich die Kurve ausrichtete. Die Bilder verfeinerten sich und er konnte sehen, dass es sich nicht um zusammenhängende Linien handelte sondern es gab eine Unzahl von Punkten. Manchmal verschmolzen einige Pünktchen zu einer Linie, die ihm wie ein Millimeter lang vorkam.
Er fuhr sich mit den Händen durch das Haar. Die Bilder verschwanden nicht. Sie schienen etwas sagen zu wollen. Doch er war nicht so weit, bereits zu verstehen. Er nahm sich ein Blatt Papier und begann eine Skizze zu machen von dem, was er sah.
Die vierte Spur nickte befriedigt ab. Was für eine verblödete Vorstellung. In Wirklichkeit hatte ihm die vierte Spur das Bild vermittelt, wie Naturforscher das im Mikroskop Betrachtete skizziert hatten. Lange bevor, es Fotokameras gab, mit denen man das mikroskopische Bild unmittelbar abkupfern konnte. Gab es vielleicht eine Fotokamera für seine Gedanken? Unbewusst schüttelte er seinen Kopf. Er glaubte zu wissen, dass es diese Kamera noch nicht gab. Und noch ein weiterer Gedanke blitzte auf. Wenn er lang genug am Leben blieb, würde er so eine Kamera erfinden.
Er war sich ganz gewiss, dass er so eine Kamera herstellen könnte. Ein leiser Schock durchfuhr ihn. Das war doch genau diese Art von Wachträumen, in denen man besondere Fähigkeiten hatte, die nur durch den Wegfall von natürlich vorhandenen Randbedingungen möglich waren. Fähigkeiten, die man nur im Traum hatte. Träume bedeuteten aber genauso, dass er offensichtlich schlief. Jetzt hatte er Angst. Wenn er so unkontrolliert wegsackte, war es unmöglich wach zu bleiben. Ach was! Das mit dem Wachbleiben war sowieso nicht auf die Dauer durchzuhalten. Jetzt könnte er genauso gut einschlafen. Ein bisschen Schlaf würde ihm gut tun. Er schloss die Augen.
Das Telefon läutete. Er schreckte hoch. „Hallo!“ – „Sie beherrschen sich noch nicht. Ich kann Sie mit dem Telefon aufwecken, wenn Sie zuhause sind, doch wenn Sie unterwegs sind, sind Sie echt in Gefahr, wenn Sie sich so gehen lassen. Sind Sie wirklich so müde?“ – Er horchte in sich hinein, er war gar nicht so müde. Er war überhaupt nicht müde. Aber er erinnerte sich, dass er vor lauter Erschöpfung die Augen geschlossen hatte. „Ach du meine Güte. Sie müssen sich doch erst aufwärmen. Malen da ein Trilin aus dem Stand heraus. Das ist ja sehr ehrenhaft, dass Sie es versuchen. Aber das ist noch viel zu anstrengend für Sie. Was machen wir da?“ Wie in einer Konferenzschaltung meldete sich eine weitere Stimme zu Wort: „Aber Madame, Sie haben doch diagnostiziert, dass es sich um einen EinsSigma handelt. Da können Sie doch jetzt nicht überrascht sein. Sie wissen doch, dass er keine Bremse hat. Er wird immer das denken, was gerade noch in seinem Denkbereich möglich ist.“ – „Aber der kann doch noch nicht Trilins beherrschen?“ – „Kann er anscheinend doch! Aber wenn er die nicht könnte, wäre es Ihnen sowieso unmöglich, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Allein der Umstand, dass er uns zuhören kann, deutet schon auf die Überwindung einer Stufe hin.“ – „Und wieso fällt er dann in Schlaf, wenn er schon so weit ist?“ – „Kondition, meine Gnädigste, Kondition! Man müsste ihn in ein Wasserzelt einsperren, damit er immer versorgt ist, selbst wenn er vergisst, was für ihn notwendig ist.“
Er sah das Glas vor sich. Ohne lang nachzudenken, setzte er es an seine Lippen und trank es leer. Die Verbindung im Telefon bestand noch, er hörte allerdings keinen Laut. Er sah sich die Zeichnung an, die er eben verfertigt hatte. Die Darstellung war vollkommen klar. Er erkannte aber das Besondere Detail, dass er richtigerweise auch so skizziert hatte. Es waren keine Linien sondern Pünktchen zu sehen. Nun war ihm aber klar, was das bedeuten sollte. Die Zeit floss nicht dahin. Die Zeit sprang.
Oder anders herum betrachtet: konnte die Zeit kontinuierlich sein, wenn wir sie nur in Schrittchen beobachten konnten?
Es war nur seine Zeichnung. Aber er was sich gewiss, dass das, was er gesehen hatte, Pünktchen waren. Und auch über deren Bedeutung schien es keinen Zweifel zu geben.
Sein Blick fiel auf das Glas. Es war schon wieder voll. Das Licht einer Lampe wurde gebrochen oder gespiegelt und ergab ein hübsches Muster. Beim Licht wusste man ja auch nicht, ob es Teilchen oder Schwingungen waren. Warum war man sich dann bei der Zeit so sicher. Jetzt wusste er, was ihm an theoretischem Wissen fehlte. Heute wollte er nicht mehr das Haus verlassen. Aber er erinnerte sich an eine Studentin vor langer Zeit, die Mathematik und Physik studiert hatte. Wo sie wohl gelandet war? Er machte sich eine Notiz. Ob sie noch denselben Nachnamen hatte? N.M? Er fühlte sich leicht beschwingt. Seit langer Zeit war es das erste Mal, dass er an eine andere Person dachte, weil er Hilfe in Anspruch nehmen wollte.
Er suchte unter seinen Büchern „die Zeitmaschine“ von Wells. Die würde ihn die Nacht lang unterhalten, bis es anständig war, jemand telefonisch aus dem Bett zu holen.

zum Inhaltsverzeichnis
voriges Kapitel
nächstes Kapitel




    Kommentar verfassen

    Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

    WordPress.com-Logo

    Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

    Google+ Foto

    Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

    Twitter-Bild

    Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

    Facebook-Foto

    Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

    w

    Verbinde mit %s


  • Neueste Beiträge

  • Tage mit Einträgen

    Juni 2018
    M D M D F S S
    « Jan    
     123
    45678910
    11121314151617
    18192021222324
    252627282930  
  • Was einmal war


%d Bloggern gefällt das: