Posts Tagged ‘Franz Schubert’

Seit zwei Wochen lebe ich ein sehr intensiviertes Leben. Die Muße, welche das Feiern und die Besuche von lieben Verwandten und Freunden erfordert, wird von exakten Planungen eingerahmt, welche in sich wiederum stille Phasen einschließen, wenn Flüge absichtlich zu späten Terminen gebucht werden, um Freiraum für zeitlich nicht genau beschränkbare Besprechungstermine einzuräumen. Obwohl ich genug aufzuarbeiten hätte, bin ich dazu nicht unter allen Umständen bereit. Auf Flughäfen erzeugen die lauten Ansagen, der Lärmpegel der wartenden Reisenden und manchmal das durch die Scheiben gedämpfte Geräusch von abhebenden Flugzeugen Gedanken, die zwar beim Schreiben einer vorliegenden Betrachtung nützlich sind, die notwendige Konzentration auf fachliche Themen aber keinesfalls zulassen.

Für die kleinen Pausen habe ich mir Kontrapunkt von Anna Enquist gekauft. Dieser Roman referenziert zwar Thomas Bernhard Untergeher Betrachtungen über Glenn Gould, er ist aber, was die Musik angeht, viel exakter in seinen musikalischen Beispielen, ja fast übergenau in der Beschreibung der technischen Schwierigkeiten. Der Roman beschreibt, wie die Frau mit Hilfe der dreißig Goldbergvariationen ihre verstorbene Tochter wieder zum Leben erweckt. Genauer gesagt, kann die Erinnerung an ihre Tochter durch das Studium des Werkes wieder plastisch werden.

Der Gedanke ist bestechend. Kann ein Mensch durch Musik aus der vagen zeitlichen Vergangenheit herbei geholt werden? Vielleicht in der Form, wie ein unscharfes Bild durch Fokussieren plötzlich Strukturen und Einzelheiten zugänglich macht, die man mit dem unbewaffneten Auge gar nicht wahrnehmen hätte können?
Soviel zur Buchempfehlung.

Während ich auf dem Flughafen in Düsseldorf über die gelesenen Seiten nachdenke, erwacht in mir der Wunsch, Epigone zu sein. Ich möchte auch Musik so beschreiben können. Leicht ist es nicht, Thomas Mann ist daran im Dr. Faustus grandios gescheitert. Überhaupt ist auch sein Versuch, Wagner in die Schrift zu bringen, zwar Beweis der Großartigkeit Wagners, doch das Resultat klingt wie ein stereophon aufgenommes Werk, bei dessen Wiedergabe man nicht nur auf einen Lautsprecher verzichtet sondern den zweiten auch vollkommen falsch dimensioniert hat.

Da will ich mir den Versuch antun, es besser machen zu wollen?
Welches Stück beschäftigt mich denn derart, dass ich denke, mehr als berufenere darüber schreiben zu können? Die Antwort ist eine Antwort auf eine Frustration. Ich bin enttäuscht, dass ich alles, was ich schreibe, als Plagiat enttarnen kann: Ich weiß, welche Bücher, welche Eindrücke, welche Ansichten meine logischen Abläufe begründen. Was ich schreibe, ist eine mechanische Erwiderung von sympathischen oder parasympathischen Reizen. Eine Maschine könnte das besser.

Bei einer bestimmten Komposition von Schubert glaube ich aber zu wissen, dass meine Anschauung mir gehört. Ich habe es nicht wo gehört und die vielen Einspielungen und Konzerterlebnisse, die ich damit hatte, können in mir nicht den Eindruck erwecken, dass jemand anderer denselben Gedanken haben könnte. Nein, ich nehme durchaus in Kauf, dass meine Darstellung als Hirngespinst abgetan werden kann, als übersteigerte Theatralik.

Das angesprochene Werk ist das Impromptu in Ges-Dur von Franz Schubert. Ich habe zwar schon erzählt, dass bei diesem Werk der Pianist in den Hintergrund treten muss. Er muss unsichtbar werden. Trotz der vorhandenen technischen Schwierigkeiten muss die Interpretation des Werkes jeden Hauch von pianistischer Brillianz vermeiden. Der Pianist muss aber noch etwas anderes erreichen: im gleichen Maße, wie sich die Musik vom Pianisten los löst, muss sie sich auch vom Zuhörer los lösen können. Und das ist das weitaus Schwerere der gestellten Aufnahme. Die Intensität einer Musik wie das Impromptu führt normalerweise zu einer emotionalen Beeinflussung des Zuhörers. Die Musik wird von der Seele mit der gleichen Plötzlichkeit empfangen, wie Traubenzucker vom Organismus aufgenommen wird. Doch jetzt soll dieser Vorgang durch ein viel stärkeres Phänomen ersetzt werden: man sieht der Seele zu, wie sie dem Körper entschwindet. Der Schluss, der in ein dreifaches Pianissimo mündet, soll die Frage im Raum lassen: was habe ich denn da wirklich gehört? Der Pianist muss sich auf die gleiche Seite wie der Zuhörer stellen. Er schickt die Musik in den Raum. Vielleicht schickt er sie zum Stern des kleinen Prinzen, vielleicht fährt sie mit Florian auf eine wunderbare Reise über die Tapete, vielleicht macht sie eine kleine Rast auf der ISS-Raumstation. Was sie zurücklässt, ist eine namenlose Sehnsucht, eine Süchtigkeit nach der Süße, eine Sucht oder einfach eine Suche nach dem Unfassbaren. Wie können so einfache Töne eine derart starke Wirkung auslösen? Wenn ich den Anfang der Melodie mit Worten unterlegen sollte, wären dieselben: „Wo gibt es Ruhe? Gibt es für mich denn gar kein Ziel? Wo kann ich bleiben, und in Ruhe träumen?“

Schubert hat ja auch das Lied der Mignon vertont. Wenn Goethe immerhin impliziert, dass jemand die Sehnsucht kennen könnte, hat sie sich in diesem Impromptu verselbstständigt und den Bezug zum Menschen gelöst. Die Sehnsucht hört auf, das Artefakt des Menschen zu sein, sie hat sich zur eigenständigen Kategorie gewandelt. Eine Kategorie, wie es die Liebe ist, die in sich unbeschreiblich bleibt. Auch die Sehnsucht können wir nicht mehr beschreiben. Wir können sie in der Musik annähern. Wenn sie aber so intensiv wie bei Schubert auftaucht, verliert sie als Beschreibung gleichzeitig das Vermögen, vom Menschen verstanden oder gelesen werden zu können. Wir können gerade noch mitbekommen, dass hier eine Antwort auf brennende Fragen geboten wird, doch die Präzision, mit der die Fragen beantwortet werden, verhindert, dass wir die Fragen überhaupt hinsichtlich ihrer Formulierung verstehen. Eine Art Heisenberg’scher Unschärferelation in der Musik. Also solche ganz atypisch für musikalische Werke.

Für mich besteht darin die Größe dieses Impromptus. Und selbstverständlich kann man daran ein ganzes Leben üben…

Nachtrag:

Eine der Einspielungen von Ingrid Haebler. Auf youtube gibt es mehrere Versionen von ihr. Das ist diejenige, die mir am meisten zusagt. Sie gefällt mir auch vom Tempo wesentlich besser als die vieler anderer Pianisten. Haebler ist 1929 geboren. Vielleicht kann man sagen: so hat man früher gespielt. Gar nicht so schlecht.




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