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Ich bin unlängst gefragt worden, welches meine Inspirationen (es waren Werke der klassischen Literatur und Musik angesprochen) für mein Liebes/leben wären.
Die Frage ist sowohl einfach als auch sehr schwierig zu beantworten. Einfach wäre es, einfach zu verweigern. Genauso wie es keinen Lieblingskomponisten oder Lieblingsdichter gibt, kann es keine singuläre Inspirationsquelle geben. Dies gilt auch, wenn nicht nur eine sondern mehrere Quellen der Inspiration erlaubt wären.
Der schwierige Teil der Beantwortung dieser Frage besteht aber in der Rekonstruktion derjenigen Gefühlserzeuger, welche sich über die Jahre erhalten haben. Wenn neue Inspirationsquellen dazu kamen, durften sie nicht mit den bestehenden kollidieren.
Das erste Musikstück, an das ich mich erinnern konnte, aber es später nie fand, (bis es youtube gab) war das Scherzo D593 n.1 von Franz Schubert.

Dieses Stück hatte ich im Ohr, offensichtlich hatte es mein Vater häufig gespielt, als ich so drei bis vier Jahre alt sein musste. Irgendwann später hörte ich es bei einem Schülerkonzert, merkte mir aber trotzdem nicht, wie es hieß. Dieses Stück verkörperte für mich Familie, Geborgenheit, etwas an biedermayerlicher Gemütlichkeit und auch Luxus, den wir damals beileibe nicht in materieller Sicht leben konnten. Vielleicht wurde gerade damals mein Bewusstsein geprägt, dass es Luxus ist, sich an der Musik so freuen zu können, wie ich es tat, dass die Freiheit des Geistes der wahre Luxus ist, der später eine große, sicher nicht totale Immunität gegenüber dem Konsumismus bewirkt.
Später hörte ich viel Musik, im Radio waren es Beethoven und Mozart, hauptsächlich Übertragungen von den Salzburger Festspielen, diese inspirierten mich und waren gleichzeitig der Grund, warum ich kein Musiker wurde. Dies verhielt sich so: als ich im Alter von 11 Jahren zum ersten Mal bei einem Schülerabschlusskonzert auf einem Bösendorfer spielen durfte, war ich grenzenlos enttäuscht, dass ich nicht den Klang erzeugen konnte, der mir vorschwebte. Es war der Klang, der sich als Erwartungshaltung durch das Anhören pianistischer Darbietungen ergeben hatte. Ich war also kein Pianist und würde keiner sein können!
Auch heute habe ich eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wie etwas auf dem Klavier zu klingen hat. Und ich bin sogar in der Lage, dieser Vorstellung in vielen Fällen Genüge zu leisten. Dass ich keine Musikerlaufbahn eingeschlagen habe, habe ich allerdings nicht bereut. Zu gut habe ich den Musikbetrieb aus einer anderen Perspektive kennengelernt.
Abgesehen von Beethoven, der mich vermutlich wirklich im Gemüt „veredelt“ hat, wie das Beethoven selbst wollte, gab es zwei weitere Musikstücke, die meinen Lebensweg beeinflusst haben. Da gab es die Wiedergabe eines Konzertes mit Shura Tscherkassy, der die Bilder einer Ausstellung in Wien spielte, als ich ungefähr acht Jahre alt war. Seine Interpretation begeisterte mich so, dass ich den Wunsch fasste, das einmal zu üben. Zweiundfünfzig Jahre später mussten sich die Gäste meiner Geburtstagsfeier damit abfinden, dass ich es geübt hatte.
Eine weitere Beeinflussung erlebte ich durch die letzte posthume Schubert-Klaviersonate D960 in B-Dur.

Mein Vater pflegte sie immer wieder einmal zu spielen, wenn er vom Büro nach Hause kam. Diese Sonate berührte mich so sehr, dass sie mich zeit meines Lebens das Klavierspiel festhalten ließ. Während meiner Pubertät, in der viele Dinge wichtiger als das Klavier erschienen, trieb mich der Gedanke in die Klavierstunden, dass ich wohl fleißig üben musste, dass ich dieses Werk einmal selbst würde spielen können.
Es ist wohl etwas Besonderes sagen zu können, dass ein Stück welches man so oft gehört und auch gespielt hat, nie seinen Reiz und seine Verzauberung verloren hat. Da der zweite Satz ähnlich wie die vierte Symphonie von Franz Schmidt eine Musik ist, die einen in das Jenseits begleiten kann, ist die Klaviersonate wohl erst dann ausgeschöpft, wenn die Lebensenergie erschöpft ist.
Das Klangbeispiel von Brendel trifft meine Vorstellung, wie die Sonate in Tempo und Dynamik zu gestalten ist, hundertprozentig. Dies befriedigt mich insofern, als ich die Musik als eine Sprache ansehe und mich freue, wenn ich offensichtlich nicht etwas Falsches sondern etwas auch bei anderen Nachvollziehbares verstehe.

Obwohl es noch weitere Schlüssel in bezug auf das musikalische Erleben gibt – wie z.B. unsere Hausoper „die verkaufte Braut“ oder der Allzeitgenuss „Rosenkavalier“ höre ich jetzt hinsichtlich der Musik auf.

Bei der Literatur wird es noch schwieriger. Es ist mir ein Anliegen, festzustellen, dass ich in Franz Karl Ginzkeys Werken nie (als Kind und auch nicht als Erwachsener) das rassistische Moment erkannt habe. Honni soit qui mal y pense, wäre wohl angebracht. Florians wundersame Reise über die Tapete spannte für mich eine Welt auf, wie sie schöner nicht sein konnte. Hier machte sich vor allem meine Schwester verdient, die sie mir oft vorlas.
Märchen und Sagen hörte ich nie auf zu lesen. Inspirierend waren aber „Readers‘ Digest“-Artikel über großartige Männer. Es waren fast immer Männer und meistens waren es Ärzte. Sie waren die eigentlichen Idole meiner Kindheit und ich hätte mir gut vorstellen können, ein Chirurg zu werden. Später relativierte sich dieser Wunsch. Durch die Bücher, die mir geschenkt wurden, Geschichten über große Erfinder und Entdecker und auch Bücher über Physik, wurde in mir eine Leistungsvorstellung erzeugt, die zwar teilweise wegen meiner Mutter negativ empfunden wurde, (ich wurde viel wegen guter Noten gelobt, was mich nicht besonders glücklich stimmte, vor allem, wenn meine Mutter anderen darüber berichtete.) mit der ich aber heute recht gut leben kann.
Es ist die Ausrichtung an größeren Personen als man selbst. Mein Selbstwertgefühl ist ausreichend, dass die Erkenntnis, nie einen Nobelpreis gewinnen zu können, keine Depressionen verursacht. Gleichzeitig aber sehe ich das Maß der Dinge nicht an meinem Niveau ausgerichtet, sondern es ist irgendwo darüber. Es ist möglich, besser zu werden, an sich zu arbeiten, zu lernen, einen größeren Überblick zu bekommen.
Ich lasse mich zwar gerne gehen, doch genauso gerne vertiefe ich mich in eine Sache, bis ich sie „vertikal“ verstanden habe, vom Überblick bis ins Detail.
Ja und etwas später, im Alter von ungefähr neunzehn Jahren machte der Steppenwolf einen bedeutenden Eindruck auf mich. Die Vorstellung, mit kulturellen Werten wie im Glasperlenspiel spielen zu können, zog mich an, doch wie der Steppenwolf zu vegetieren, wollte ich nie. All die guten Lehren die Hermine und Pablo oder auch Maria dem Steppenwolf angedeihen ließen, fielen auf äußerst fruchtbaren Boden. Bis auf die Geschichte mit dem Rauschgift. Das hat mich nie angezogen, weil ich zu ängstlich war und weil ich außerdem keine Notwendigkeit sah, „mein Bewusstsein zu erweitern“. Mein Bewusstsein hielt ich für ausreichend erweitert, als ich im Alter von neunzehn Jahren einmal eine Bayreuther Tristanübertragung hörte und im Zusammenhang mit vier Flaschen Bier und einer Schachtel Gitanes ohne Filter am Ende des dritten Aktes vollkommen abgehoben war und praktisch das Meer rauschen hören konnte. Damals schwor ich mir, dass ich keine Bewusstseinserweitung brauche. Alles kann ich aus der Musik nehmen.
War da noch irgendwo vom Liebesleben die Rede?
Der Menschen Hörigkeit (WS Maugham), das Ende einer Affäre (Graham Greene), Arrowsmith (Sinclair Lewis), das waren meine Ratgeber in Liebesdingen, dort gab es Frauen, die bewundernswert waren – nicht alle natürlich.
Wenn ich darüber nachdenke, gibt es für diese Aufzählungen kein Ende. So viele Beinflussungen: Goethes „Märchen“, Haufsche Märchen, das Haufsche „Märchen“, sie alle lebten und tun es noch heute.
Der Kreis schließt sich dort, wo eine Begeisterung für den Faust II noch durch die Begeisterung für Bulgakovs „Master i Margarita“ übertroffen wird und ich am Schluss finden kann, dass für Bulgakov das Anhören von Schubert als paradiesische Beigabe für den Master und seine Geliebte empfunden wird.
Ja, es gibt hier kein Aufhören der inspiratorischen Beeinflussung. Sie wird hoffentlich nie aufhören.

Seit zwei Wochen lebe ich ein sehr intensiviertes Leben. Die Muße, welche das Feiern und die Besuche von lieben Verwandten und Freunden erfordert, wird von exakten Planungen eingerahmt, welche in sich wiederum stille Phasen einschließen, wenn Flüge absichtlich zu späten Terminen gebucht werden, um Freiraum für zeitlich nicht genau beschränkbare Besprechungstermine einzuräumen. Obwohl ich genug aufzuarbeiten hätte, bin ich dazu nicht unter allen Umständen bereit. Auf Flughäfen erzeugen die lauten Ansagen, der Lärmpegel der wartenden Reisenden und manchmal das durch die Scheiben gedämpfte Geräusch von abhebenden Flugzeugen Gedanken, die zwar beim Schreiben einer vorliegenden Betrachtung nützlich sind, die notwendige Konzentration auf fachliche Themen aber keinesfalls zulassen.

Für die kleinen Pausen habe ich mir Kontrapunkt von Anna Enquist gekauft. Dieser Roman referenziert zwar Thomas Bernhard Untergeher Betrachtungen über Glenn Gould, er ist aber, was die Musik angeht, viel exakter in seinen musikalischen Beispielen, ja fast übergenau in der Beschreibung der technischen Schwierigkeiten. Der Roman beschreibt, wie die Frau mit Hilfe der dreißig Goldbergvariationen ihre verstorbene Tochter wieder zum Leben erweckt. Genauer gesagt, kann die Erinnerung an ihre Tochter durch das Studium des Werkes wieder plastisch werden.

Der Gedanke ist bestechend. Kann ein Mensch durch Musik aus der vagen zeitlichen Vergangenheit herbei geholt werden? Vielleicht in der Form, wie ein unscharfes Bild durch Fokussieren plötzlich Strukturen und Einzelheiten zugänglich macht, die man mit dem unbewaffneten Auge gar nicht wahrnehmen hätte können?
Soviel zur Buchempfehlung.

Während ich auf dem Flughafen in Düsseldorf über die gelesenen Seiten nachdenke, erwacht in mir der Wunsch, Epigone zu sein. Ich möchte auch Musik so beschreiben können. Leicht ist es nicht, Thomas Mann ist daran im Dr. Faustus grandios gescheitert. Überhaupt ist auch sein Versuch, Wagner in die Schrift zu bringen, zwar Beweis der Großartigkeit Wagners, doch das Resultat klingt wie ein stereophon aufgenommes Werk, bei dessen Wiedergabe man nicht nur auf einen Lautsprecher verzichtet sondern den zweiten auch vollkommen falsch dimensioniert hat.

Da will ich mir den Versuch antun, es besser machen zu wollen?
Welches Stück beschäftigt mich denn derart, dass ich denke, mehr als berufenere darüber schreiben zu können? Die Antwort ist eine Antwort auf eine Frustration. Ich bin enttäuscht, dass ich alles, was ich schreibe, als Plagiat enttarnen kann: Ich weiß, welche Bücher, welche Eindrücke, welche Ansichten meine logischen Abläufe begründen. Was ich schreibe, ist eine mechanische Erwiderung von sympathischen oder parasympathischen Reizen. Eine Maschine könnte das besser.

Bei einer bestimmten Komposition von Schubert glaube ich aber zu wissen, dass meine Anschauung mir gehört. Ich habe es nicht wo gehört und die vielen Einspielungen und Konzerterlebnisse, die ich damit hatte, können in mir nicht den Eindruck erwecken, dass jemand anderer denselben Gedanken haben könnte. Nein, ich nehme durchaus in Kauf, dass meine Darstellung als Hirngespinst abgetan werden kann, als übersteigerte Theatralik.

Das angesprochene Werk ist das Impromptu in Ges-Dur von Franz Schubert. Ich habe zwar schon erzählt, dass bei diesem Werk der Pianist in den Hintergrund treten muss. Er muss unsichtbar werden. Trotz der vorhandenen technischen Schwierigkeiten muss die Interpretation des Werkes jeden Hauch von pianistischer Brillianz vermeiden. Der Pianist muss aber noch etwas anderes erreichen: im gleichen Maße, wie sich die Musik vom Pianisten los löst, muss sie sich auch vom Zuhörer los lösen können. Und das ist das weitaus Schwerere der gestellten Aufnahme. Die Intensität einer Musik wie das Impromptu führt normalerweise zu einer emotionalen Beeinflussung des Zuhörers. Die Musik wird von der Seele mit der gleichen Plötzlichkeit empfangen, wie Traubenzucker vom Organismus aufgenommen wird. Doch jetzt soll dieser Vorgang durch ein viel stärkeres Phänomen ersetzt werden: man sieht der Seele zu, wie sie dem Körper entschwindet. Der Schluss, der in ein dreifaches Pianissimo mündet, soll die Frage im Raum lassen: was habe ich denn da wirklich gehört? Der Pianist muss sich auf die gleiche Seite wie der Zuhörer stellen. Er schickt die Musik in den Raum. Vielleicht schickt er sie zum Stern des kleinen Prinzen, vielleicht fährt sie mit Florian auf eine wunderbare Reise über die Tapete, vielleicht macht sie eine kleine Rast auf der ISS-Raumstation. Was sie zurücklässt, ist eine namenlose Sehnsucht, eine Süchtigkeit nach der Süße, eine Sucht oder einfach eine Suche nach dem Unfassbaren. Wie können so einfache Töne eine derart starke Wirkung auslösen? Wenn ich den Anfang der Melodie mit Worten unterlegen sollte, wären dieselben: „Wo gibt es Ruhe? Gibt es für mich denn gar kein Ziel? Wo kann ich bleiben, und in Ruhe träumen?“

Schubert hat ja auch das Lied der Mignon vertont. Wenn Goethe immerhin impliziert, dass jemand die Sehnsucht kennen könnte, hat sie sich in diesem Impromptu verselbstständigt und den Bezug zum Menschen gelöst. Die Sehnsucht hört auf, das Artefakt des Menschen zu sein, sie hat sich zur eigenständigen Kategorie gewandelt. Eine Kategorie, wie es die Liebe ist, die in sich unbeschreiblich bleibt. Auch die Sehnsucht können wir nicht mehr beschreiben. Wir können sie in der Musik annähern. Wenn sie aber so intensiv wie bei Schubert auftaucht, verliert sie als Beschreibung gleichzeitig das Vermögen, vom Menschen verstanden oder gelesen werden zu können. Wir können gerade noch mitbekommen, dass hier eine Antwort auf brennende Fragen geboten wird, doch die Präzision, mit der die Fragen beantwortet werden, verhindert, dass wir die Fragen überhaupt hinsichtlich ihrer Formulierung verstehen. Eine Art Heisenberg’scher Unschärferelation in der Musik. Also solche ganz atypisch für musikalische Werke.

Für mich besteht darin die Größe dieses Impromptus. Und selbstverständlich kann man daran ein ganzes Leben üben…

Nachtrag:

Eine der Einspielungen von Ingrid Haebler. Auf youtube gibt es mehrere Versionen von ihr. Das ist diejenige, die mir am meisten zusagt. Sie gefällt mir auch vom Tempo wesentlich besser als die vieler anderer Pianisten. Haebler ist 1929 geboren. Vielleicht kann man sagen: so hat man früher gespielt. Gar nicht so schlecht.




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