Als er Vera das erste Mal näher kennen lernte, geschah das auf einer Studentenféte, die sich im Atrium abspielte. Er selbst war damals kein Student sondern bereits berufstätig unterwegs und war in der Gruppe willkommen, weil er manchmal die letzte Ressource an benötigtem Geld darstellte. Er war über seinen Freund in die Gruppe gekommen, obwohl er damals noch eigenbrötlerischer als jetzt unterwegs war. So hatte er nichts von einer Unterhaltung mitbekommen, die Vera mit einem anderen Studenten führte. Dieser versuchte ihr zuerst den Hof zu machen, im späteren Verlauf, der die Erkenntnis brachte, dass Vera schon glücklich vergeben war, kam es dann aber noch zu einer interessanten Diskussion über die gemachten Lebenserfahrungen. Der Student traf nämlich das erste Mal einen Menschen, der von sich behauptete, glücklich zu sein und keine Probleme zu kennen. Das forderte Widerspruch heraus. Vera war damals ungefähr zwanzig Jahre alt, sah gut aus, doch es war sehr schwer, ihr abzunehmen, dass sie in ihrer Kindheit nur frohe Tage erlebt hatte.
Sie hatte allerdings ganz bestimmt darauf beharrt, dass es in ihrer Kindheit kein Ereignis gegeben hätte, das für sie mit unangenehmen Erinnerungen verknüpft war. Ihr Vater hatte wohl ein gutes Einkommen, ihre Mutter war Hausfrau, der Haussegen hing gerade, nicht einmal Kinderkrankheiten schienen einen Eindruck hinterlassen zu haben.
Von all dem hatte er nichts mitbekommen.
Vera war intelligent, studierte Mathematik, konnte aber keinesfalls als versponnen betrachtet werden. Ihre Attraktivität beruhte nicht auf einem modell-ähnlichem Aussehen. Vielmehr wirkte sie wie jemand, der im Groschenroman mit „gesund, gut gebaut, offenes Gesicht, strahlende blaue Augen usw. usw.“ bezeichnet wird. Das mit den blauen Augen stimmte nicht, die waren braun mit kleinen grünen Ringen, doch den Rest der Beschreibung konnte man gelten lassen. Vielleicht sollte man noch dunkelblondes, halblanges, gelocktes Haar und eine etwas überdurchschnittliche Körpergröße von einem Meter 78 erwähnen. Ihre Bewegungen wirkten geschmeidig, obwohl sie keinen Sport betrieb. Damals war sie attraktiv gewesen. Das war allerdings kein Vergleich zu ihrem gegenwärtigen Aussehen.
Man könnte behaupten, dass sie sich erst auswachsen musste, denn jetzt mit fast fünfzig Jahren, stellte sie die damalige Studentin noch weit in den Schatten. Sie wirkte so ungemein präsent. Ihre Augen hätte man jetzt für blau halten können, obwohl sich an der Farbe selbst nicht geändert hatte. Doch ihr Blick war derart bestimmt, alles rund um sie blitzartig erfassend, wie es sonst nur blauäugigen Menschen zugedacht wird.
Sie hatte die Situation jetzt ebenfalls voll im Griff, wenn der letzte Coup mit den Crépes Suzette ihm vielleicht ein bisschen Luft verschafft hatte.
„Jein! Wenn Du es genau wissen willst.“ lachte sie jetzt. „Auf welcher Erklärungsebene möchtest Du denn die Antwort haben?“
„Ich hatte gedacht, dass es eine physikalische Theorie geben könnte, über die Du am ehestens Auskunft geben kannst. Deswegen habe ich ja gerade dich angerufen.“
„Das ist mir schon klar. Aber wo soll ich denn mit der Erklärung anfangen? Wie weit bist Du denn schon mit deinen eigenen Überlegungen gekommen? Und was bringt dich überhaupt dazu, darüber nachzudenken?“ Jetzt war er in der Zwickmühle. Wie viel konnte er ihr denn von der Veränderung, die in seinem Leben stattgefunden hatte, mitteilen?
Als er mit einer Antwort auf sich warten ließ, lachte sie ihn an und meinte: „Ich mache es einfacher. Sag mir einmal einfacher, was Du mit dem Begriff stetig überhaupt meinst? – Bezogen auf die Zeit natürlich.“
„Nun, im Allgemeinen spricht man doch davon, dass die Zeit vergeht. Man sieht dem Sekundenzeiger zu, der ja im Prinzip auch schon springt. Also anders, bei einer Sanduhr rieselt der Sand, allerdings sind das auch Körner. Also noch einmal anders: wenn man eine Sonnenuhr verwendet, wandert der Schatten. Und da gibt es keinen Fleck, der nicht irgendwann einmal von dem Schatten berührt wird und sei er auch noch so klein. Da könnte man doch meinen, dass alle Zeitpunkte, die es gibt, miteinander zusammenhängen. So wie die Punkte auf einer Geraden. Und jetzt stelle ich mir vor, eine absolute Zeit könnte nur mit rationalen Zahlen ausgedrückt werden. Dann gäbe es doch zwischen den einzelnen Zeitpunkten Zwischenräume. Und die Zeit müsste springen!“ Zufrieden lehnte er sich zurück.
Sie schmunzelte ihn an: „Gar nicht schlecht für einen Laien! Doch warum kümmert dich das denn? Gehört doch sicher nicht zu deinem Beruf?“ – „Nein, aber die Gedanken gehen mir seit wenigen Tagen nicht aus den Kopf.“ Soviel konnte er doch wohl zugeben, ohne etwas zu verraten. „Seit drei Tagen also“ murmelte sie, für ihn unhörbar. Auf ihrer Stirn hatte sich eine kleine Falte gebildet.
Er konnte das doch nicht sein. Da passte etwas überhaupt nicht zusammen. Bevor sie noch über eine Antwort nachdenken konnte, kam der Kellner mit einer edlen Kupferpfanne, wo die Crépes in der Grand-Marnier-Sauce schwammen. Er stellte die Pfanne auf einem Nebentischchen ab, auf dem schon weiterer Grand-Marnier und Gerätschaften vor allem der auf die Pfanne passende Deckel vorbereitet waren. Der Kellner schaute sie an, um sich ihrer Aufmerksamkeit zu versichern, dann goss er ungefähr einen Esslöffel Grand-Marnier hinein und hielt einen Flammenstrahl aus dem Feuerzeug in die Pfanne. Sofort glimmte es bläulich auf. Der Kellner schüttelte die Pfanne, damit sich der Alkohol gleichmäßig verteilen konnte und nach kurzer Zeit deckte er die Pfanne mit dem Deckel zu, um das Feuer zu löschen.
Danach richtete der Kellner die zwei Teller mit dem Dessert an. Während er frohgemut einen Bissen nach dem anderen verkostete, war ihre Laune gar nicht dem köstlichen Dessert angemessen. Etwas arbeitete in ihr, ganz offensichtlich „denkte“ es in ihr.

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