Über Intelligenz

Über Intelligenz läßt sich einiges nachlesen. (Ein paar weiterführende Links finden sich hier oder können gegoogled werden.)
Seit einiger Zeit unterscheidet man zwischen der „normalen“ Intelligenz und der emotionalen Intelligenz. Dieser Eintrag beschäftigt sich mit der „normalen“ Intelligenz und behandelt einen Aspekt, den ich bisher nirgendwo in ähnlicher Form gelesen habe. Es geht um die Intelligenz, die sich in neuen Denkrahmen zurechtfinden muss. (Übrigens ist mittlerweile auch die Unterscheidung von kristalliner und fluider Intelligenz sehr interessant geworden. Auch für mich, da ich langsam älter geworden bin und mich sehr für die Vermittlung von Lerninhalten interessiere.)

Wissenschaftliche Beweise werden vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern fast immer nach aristotelischer Logik geschlossen. Man etabliert einige Prämissen durch beweisbare und reproduzierbare Experimente und führt anschließend Schlussfolgerungen durch, die ein System aufstellen. Im Rahmen dieses Systems können Voraussagen getroffen werden, die es anschließend durch neue Experimente zu verifizieren gilt.
Sir Karl Popper hält gegen diese Methodik seine Falsifizierungsvariante, doch das ist nicht das Thema. Es geht um System und den neuen Denkrahmen, den das System vorgibt.
Unter meinen Büchern finden sich vier, die bei unterschiedlichen Themen den Leser vor das Problem des Nachvollziehens stellen. Sie handeln alle von Inhalten, die heute als gegeben und erwiesen da stehen. Bei ihrer ursprünglichen Formulierung mussten sie erst einmal bewiesen oder zumindest plausibel dargestellt werden. Ich gestehe, dass ich in allen Fällen große Schwierigkeiten habe, den zugrunde liegenden Denkvorgängen zu folgen. Es geht mir da wie den typischen Mathematikverweigerern, die bereits bei einer normalen Schlussrechnung mit den Augen zu rollen beginnen.
Ich bemühe mich zwar, die Texte zu verstehen, aber es gelingt mir nicht immer. In philosophischen Werken trifft das ja häufiger zu. Man kann bis zu einem gewissen Punkt folgen, doch dann erfolgt meistens eine (verborgene) Annahme des Philosophen und die weiteren Schritte erscheinen unlogisch.
Was waren nun diese vier Bücher?
Das eine habe ich mir 1982 zu Weihnachten gewünscht. The originins of digital computers ist eine Antologie von wesentlichen Patenten, die zur heutigen Entwicklung des Computers geführt haben. Da ist von Rechenwerken, von Holz als Werkstoff, von Zählmethoden und Übertragungstricks die Rede. Es ist ein Stoff, der mich interessiert, in dem ich nicht ganz unbegabt bin, doch der Darstellungsart eines Erfinders um die Jahrhundertwende kann ich nicht folgen.
Jetzt mag man einwenden, dass man die Relativitätstheorie oder den Gödelschen Satz auch nicht so einfach verstehen könne. Immerhin gibt es jede Menge Sekundärliteratur, die sehr viel Mühe aufwendet, um die Inhalte anschaulicher zu machen. Doch bei diesem Buch ist Anschaulichkeit nicht das Problem. Die Patente beschäftigen sich mit sehr realen Problemen der Herstellung von Rechenwerken. Man sollte das heute nicht nur verstehen, sondern auch nachbauen können. Geht aber nicht so leicht.

Das zweite Werk beschäftigt sich mit Beweisen, wie sie die alten Griechen führten – geometrische Beweise. Ich habe das Buch nicht mehr im direkten Zugriff, doch kann ich mich erinnern, dass ich wie die Kuh vorm neuen Tor gestanden bin. Von zehn Beweisen waren vielleicht zwei nachvollziehbar. Ich habe eine relativ gute Mathematikausbildung auf der Hochschule genossen, doch die Art der Beweisführungen sind rein geometrisch und erfordern hier ein Rüstzeug von einfachsten und einfachen Beweisen, um die Struktur eines Beweises zu verstehen.

Das dritte Werk ist die Rätselsammlung von Sam Loyd, herausgegeben von Martin Gardner. Manche der Rätsel sind so schwierig, dass ich sie selbst dann nicht lösen kann, wenn ich die Lösung schon einmal wusste. Bei manchen Rätseln fällt es mir schwer, die Lösung im Hergang zu verstehen. Ich füge hier kein Beispiel an, wie ich es ursprünglich beabsichtigt hatte, um weder die Leserinnen noch mich zu frustrieren.

Das vierte Werk ist das Das Chinesische Dreieck.
In diesem Buch kann aufgrund der dargestellten Rätsel erkennen, dass uns die Chinesen historisch gesehen mathematisch schon einmal weit voraus waren. Es ist auch interessant zu sehen, wie Darstellungen, die uns in der Schule in bestimmter Form nahe gebracht wurden, durch andere Darstellung auch zu anderen Beweisführungen hinleiten.

Die Beispiele sollen aufzeigen, dass ich mittlerweile nicht mehr glauben kann, dass wir heute besser denken können als vor zwei tausend Jahren. Die intellektuelle Kapazität könnte ohne Eingriffe in das Gehirn nach oben beschränkt sein. Möglicherweise sind wir aber in punkto Moral und Ethik noch ausbaufähig. Das wäre eine interessante These. Sie könnte bei ihrem Zutreffen die Grundlage bieten, dass unser Leitspruch „wir tun, was wir können“ einmal auf „wir tun, was wir für gut halten“ geändert wird.
Erst dann wird es möglich sein, dass die Hypertrophie unseres Gehirns nicht zum Morden und Brandschatzen sondern zu einer besseren Aufteilung der Güter und zu einer Sichtweise Menschheit als Ganzes führen kann.
Bis dahin „good luck with you!“.

[Ich habe diesen Text schon vor einigen Jahren geschrieben. Inzwischen bin ich durch Gödel, Heisenberg, Feynman, Popper, Chaitin und anderen zu der Überzeugung gelangt, dass mit unserer (logischen) Denkweise bereits eine Beschränkung manifestiert ist, die uns verbietet, von „einer“ Wahrheit zu sprechen. Am ehesten kann ich mich da noch mit Zen abfinden, der die Unlösbarkeit von Widersprüchen und Dichotomien systematisch mit einbindet. 2012]


  1. Unsere Hardware ist tatsächlich nicht intelligenter als damals, nur fangen wir unter anderen Wissensvoraussetzungen an, deshalb sind die Entdeckungssprünge größer. Je mehr wir wissen, desto größer sind die Zusammenhänge, die wir erfassen können. Je größer diese Zusammenhänge sind, die wir erfassen, desto größer die Entwicklungen und Entdeckungen, allein schon deshalb, weil wir höher entwickeltes Material haben, auf das wir aufbauen können. Aber auch hier werden wir irgendwann stagnieren, denn unsere kognitiven Kapazitäten werden irgendwann an ihre Grenzen stoßen.

    Gute Nacht!

    • Ich bin nicht ganz sicher, ob Du meine Ausführung richtig interpretiert hast. Leider gewinnen wir gar nichts durch durch das Material, auf dem wir aufbauen können. Es reicht lediglich, dass wir uns unserer Grenzen noch mehr bewusst werden.

  2. Dass die Erde eine Scheibe ist, nebst anderen Erkenntnissen, war auch einmal beweisbare Wahrheit. Nun, heute haben wir einfach die Instrumente, dies einfach zu widerlegen.
    Das Atom war einst unspaltbar, etc.
    Philosophie, mit der ich mich doch eingehender beschäftige, bringt periodisch unumstößliche Wahrheiten ans Licht, allerdings ist deren Halbwertszeit doch sehr gering.
    Skepsis ist vonnöten.

    Ich komme zu dem Schluss, dass die Betrachtung selbst das Ergebnis beeinflußt.
    Das menschliche Gehirn ist nun einmal ein eigenes System, und es zieht Schlüsse aufgrund von Erfahrung.
    Mit diesem Aparat werden wir vermutlich nie in der Lage sein, Realität, wie sie wirklich ist, zu erfassen.
    Wir vertrauen wissenschaftlichen Methoden, und Erfolge geben uns recht, aber andere Methoden kämen genauso gut zu ganz anderen Ergebnissen und Erfolgen.

    Der Teil des Ganzen wird das Ganze wohl nie erfassen, allein schon des Blickwinkels wegen, mag der Teil auch noch so intelligent sein.
    Das Höhlengleichnis von Platon scheint mir nach wie vor Gültigkeit zu haben.

    • „Vermutlich nie in der Lage sein,…“
      Ich glaube, dass man das Wort „vermutlich“ in diesem Zusammenhang streichen kann. Die Erkenntnisse des 20. Jahrhunderts deuten eher in die Richtung, dass wir nie in der Lage sein werden, weil die Widersprüche, die wir zunehmend erkennen können, einfach in unsere Köpfe nicht hinein zu passen scheint.
      Das Problem, was ich habe, ist der von einigen Predigern insinuierte „Glaube“, der das Problem angeblich löst. Wenn ich allerdings die Motive erforsche, die diesen Glauben gerade für bestimmte Gruppen so erstrebenswert erscheinen lässt, stehe ich wieder an den menschlichen Begrenzungen an. Denn der gepredigte Glaube rührt von Machtstreben, Gier und Unbarmherzigkeit her.




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